Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          

zurück

Auswahl
 Presse
 Dokumente
Stolpersteine in München

Brief von Professor Dr. Klein, Wien, an Werner Grube, München



Sehr geehrter Herr Grube,

herzlich danke ich Ihnen für die Informationen, die Sie mir geschickt haben

über das Bestreben, in München Stolpersteine zu verlegen, wie dies in

vielen anderen deutschen Städten schon geschehen ist. Ich bin sehr bewegt

und danke Ihnen und Ihrem verehrten Herrn Bruder sehr, dass Sie für meine

Großtante, Frau Gisela Goldlust, geb. Klein, und für ihren Mann, Herrn

Leopold Paul Goldlust, je einen Stolperstein stiften wollen, wie Sie in der

Fernsehsendung Capriccio schon im Juni 2004 öffentlich angekündigt haben.

Ich spreche darin und in allem folgenden auch im Namen meiner Schwester

Heidelinde.

Ich war schon seit früher Jugend sicher, dass Tante Gisela, die Schwester

meines Großvaters, ebenso wie ihre Brüder Max Klein und Sándor Klein und

deren Familien, Opfer der Shoah geworden sein mussten. Leider war mir aber

Tante Giselas Familienname abhanden gekommen, sodass ich sie nicht finden

konnte. Zu Anfang dieses Jahres bin ich nun auf die auch Ihnen übersandte

Photographie gestoßen, welche Tante Gisela in schönem jugendlichen Ernst

zeigt. Auf der Rückseite fand ich, von der Hand meiner Mutter, den Namen

Goldlust. So konnte ich mit Hilfe des Dokumentationszentrums des

Österreichischen Widerstandes Tante Gisela im Biographischen Lexikon der

Münchner Juden finden.

Herr Dr. Heusler vom Münchner Stadtarchiv brachte mich dann mit Ihnen in

Verbindung. Es ist für mich eine sehr wichtige Fügung, welche mich tief

berührt, dass ich auf diese Weise die Möglichkeit habe, einen Menschen

kennen zu lernen, der Tante Gisela und ihren Mann noch gut gekannt hat und

Zeuge der schrecklichen Ereignisse damals war. Sie, verehrter Herr Grube,

haben Tante Gisela noch im Massenquartier in der Lindwurmstraße besucht und

mit ihr gesprochen, als sie schon gezeichnet war von Jahren der Bedrohung

und von der Sorge um ihren Mann, dessen Aufenthaltsort und Schicksal ihr

nicht bekannt war, um dessen grausame Folterung während der sogenannten

Kristallnacht sie aber wohl wusste, wenn sie nicht sogar gezwungen war,

dieses Entsetzliche mit eigenen Augen anzusehen. Sie, verehrter Herr Grube,

wurden ebenso, wie Ihr Herr Bruder, nach Theresienstadt verschleppt, wo

auch Tante Gisela schon vorher litt und wo sie am 24. April 1944 ermordet

wurde. Sie sind die einzigen, die wissen und von innen her fühlen können,

welche Art des Gedenkens im Sinne des Ehepaars Goldlust gewesen wäre. Meine

Schwester und ich sind dankbar, dass wir uns Ihnen in der Gemeinschaft des

Gedenkens an Gisela und Leopold Paul Goldlust in Ehrfurcht anschließen

dürfen und dass Sie uns willkommen heißen, in die Stiftung der beiden

Stolpersteine mit einzutreten.

Wir wollen nun immer an den Todestagen von Gisela und Leopold Paul Goldlust

einen Blumenstrauß mit einer beschrifteten Schleife niederlegen bzw.

niederlegen lassen, u. zw. einerseits in Herzog-Max-Straße 7 in München, wo

die Hauptsynagoge stand, welcher Herr Goldlust als Hausmeister diente und

dort mit seiner Frau wohnte, andererseits am Judenplatz in Wien zu Füßen

des Mahnmals. Wenn es einmal möglich sein sollte, die Stolpersteine in

München, wie geplant, zu verlegen, dann wird dies der schönste Platz für

den jährlichen Blumenstrauß sein.

Sie haben mich auch informiert über die Meinungsverschiedenheiten, die es

in München über die Stolpersteine gibt. Ich respektiere die Bedenken der

Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Sie hat sehen müssen, wie

damals Menschen mit Füssen getreten wurden, und möchte solches nicht

nochmals erleben an den Steinen des Gedenkens. Diese Haltung geht zurück

auf das, was Frau Knobloch als Kind erfahren musste, und wir später

Geborene, die wir in Frieden und Sicherheit aufwachsen durften, können hier

nur mit Ehrfurcht zuhören. Andererseits haben aber Sie, verehrter Herr

Grube, und Ihr Herr Bruder das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt

und ebenfalls, vielleicht noch mehr Entsetzliches erleben und mitansehen

müssen. Sie sind vehemente Befürworter der Stolpersteine. Auch Ihren

Standpunkt müssen wir Jüngere, Verschonte mit Ehrfurcht zur Kenntnis nehmen

und beherzigen. Darüber hinaus werden die Stolpersteine sowohl vom

Zentralrat der Juden in Deutschland, als auch von Yad Vashem begrüßt. Ich

folge vor allem Ihnen, weil unter allen Lebenden nur Sie das Ehepaar

Goldlust selbst vertreten können. Wenn ich darüber hinaus das Problem aus

meiner eigenen Sicht bedenke, so muss ich sagen: Jede Stätte des Gedenkens,

jedes Grab kann geschändet werden. Vielleicht liegt aber gerade darin auch

eine Chance. Bestiefelte Füsse eines etwa jugendlichen Übeltäters, die

einen Gedenkstein treten und beschmutzen, haben es vielleicht noch nicht

gewagt, Menschen zu treffen, und vielleicht haben wir noch die Chance, mit

diesem oder jenem zu reden, bevor er sich an Menschen vergreift, und ihn zu

Einsicht, Umkehr und Reue zu bewegen. Darum bin ich, nach langem Nachdenken

und voll Respekt für die Gegenmeinung, entschieden für die Verlegung der

Stolpersteine.

Als Kind und Jugendlicher habe ich in meiner Phantasie ein Bild von Tante

Gisela geformt auf der Grundlage der Erzählung meines Vaters von einem

Besuch in München, wo er - wahrscheinlich einige Tage - als Gast im Hause

Goldlust weilte. Er dürfte mit familiärer Gastfreundschaft überschüttet

worden sein. Jedenfalls entstand in meiner Phantasie das Bild eines

Überangebots von Kuchen- und Tortenstücken. Er charakterisierte Tante

Gisela als Menschen von außergewöhnlicher Güte. Diese Erinnerung stimmt

sehr gut mit dem gütigen Lächeln zusammen, welches auf der zweiten

Photographie, aus Tante Giselas reiferen Jahren stammend, so eindrucksvoll

auf uns blickt.

Auch Ihre Erzählungen, sehr geehrter Herr Grube, harmonieren mit der

Atmosphäre, welche von dieser Photographie ausgeht: Sie erzählten mir, wie

die Kinder des jüdischen Kindergartens, zu denen Sie und Ihr Bruder

gehörten, auf dem Heimweg Station beim Ehepaar Goldlust machen konnten und

dort mit Trost und Hilfe und Schokolade usw. versorgt wurden. Sie hat also

die Kindlein zu sich kommen lassen und ihnen nicht gewehrt.

Als mein Vater seinen Besuch bei Tante Gisela machte, lebte noch deren

hochbetagte Mutter bei ihr und ihrem Mann, Frau Hermine Klein, geb.

Lubowienski, die Sie ja nicht mehr antrafen. Der Besuch meines Vaters

könnte mit dem 80. oder mit dem 90. Geburtstag seiner Großmutter

zusammengehangen haben, vielleicht war es der 90. im Jahre 1928, denn ich

wusste aus dieser Erzählung, dass Tante Giselas Mann Diener in der Münchner

Synagoge war und in deren Bereich wohnte. Dort wohnten sie aber erst seit

1927. Mein Vater war sehr beeindruckt, da ihm die alte Dame damals mit

großer Bravour die Sonata appassionata von Beethoven am Klavier vorgetragen

haben soll.

Tante Giselas Mutter war Tochter eines Apothekers in Tyrnau, slowakisch:

Trnava. Diese kleine Stadt in der Nähe von Bratislava (Pressburg) liegt

heute in der Slowakei, gehörte damals zum Königreich Ungarn (als Teil

Österreich-Ungarns). Die Stadt war während der Türkenzeit Sitz des Primas

von Ungarn und auch Ort der Universität, die im 19. Jahrhundert nach

Budapest verlegt wurde und dort noch heute existiert. Als Sitz des Primas

hatte Tyrnau eine große Zahl katholischer Kirchen und wurde deshalb in

lokalpatriotischem Eifer sogar mit Rom verglichen. Im Spätmittelalter

wurde den Juden nach einem Pogrom der Zutritt verboten. Durch Josef II.

wurde dieses Verbot aufgehoben und so bildete sich erst im 19. Jahrhundert

in Tyrnau wieder eine jüdische Gemeinde, die sich dann in eine liberale und

in eine orthodoxe teilte.

Auch die Familie Klein siedelte zunächst nur in der Umgebung Tyrnaus. Tante

Giselas Großvater, Moritz Klein, war Kaufmann in Zavar. Erst ihr Vater,

Johann Klein, ließ sich in Tyrnau als Lederhändler nieder. Dort heiratete

er 1871 Tante Giselas Mutter. Die katholische Apothekerstochter, deren

Mutter übrigens evangelisch war, reiste zuvor nach Wien, trat aus der

katholischen Kirche aus und wurde in der Synagoge Wien I in der

Seitenstettengasse in den Bund des Judentums aufgenommen. Sie erhielt den

Konvertitennamen: Sharah bath Avraham avinu (Sarah, Tochter des Abraham,

unseres Vaters). Mich erfüllt dieser, damals in einem katholisch

dominierten Milieu gesetzte Schritt, ob er nun aus religiöser Überzeugung

oder dem Bräutigam zuliebe oder aus einer Mischung von beiden Motiven

unternommen wurde, mit großem Stolz. Die Hochzeit wurde anschließend in der

jüdischen Gemeinde in Tyrnau begangen.

Das waren also Tante Giselas Eltern. 1875 wurde sie in Tyrnau in diese

Familie hineingeboren. Sie hatte mindestens vier Brüder: Karl, Max, Sándor

und Gustav, mein Großvater, der 1880 zur Welt kam, also 5 Jahre jünger war

als sie. 1899 verstarb ihr Vater. Dem biographischen Lexikon der Münchner

Juden entnehme ich, dass sie 1903 ihren Mann in Pressburg heiratete. Das

junge Ehepaar dürfte dieser Quelle zufolge einige Jahre in Wien gelebt

haben und 1911 nach München übersiedelt sein. Irgendwann in dieser Zeit

müssen sie dann Tante Giselas Mutter bei sich aufgenommen haben, vielleicht

schon in Wien oder erst in München, aber es sieht so aus, als ob sie viele

Jahre mit ihr gemeinsam gelebt hätten.

Irgendwann nach 1928, also ziemlich knapp vor Ausbruch der politischen

Katastrophe, starb Giselas Mutter einen offenbar sehr friedlichen Tod.

Meinem Vater zufolge saß sie, völlig gesund und geistig klar, in der Küche

und schlief dort friedlich ein. Wäre doch ihren Kindern vergönnt gewesen,

ebenfalls in solch würdiger Umgebung und in solchem Frieden zu sterben!

Mit großer Betroffenheit habe ich von Ihnen, sehr geehrter Herr Grube,

erfahren, dass meine Großtante einen veränderten Gesichtsausdruck hatte,

als Sie sie zum letzten Mal besuchten.

Jener Abschaum, der unter der relativ harmlosen Bezeichnung

Nationalsozialismus, sich mit zuvor nicht gekannter krimineller Energie zur

organisierten Bande zusammenrottete, den deutschen Staat okkupierte,

zahllose sonst vielleicht gute und brave Menschen zu indirekter oder

direkter Mitschuld verführte und einige lange Jahre hindurch ganz Europa

terrorisierte, dieser Abschaum also begnügte sich nicht damit, Menschen

massenweise physisch zu vernichten: systematisch wurde davor versucht,

alles Menschliche in den Opfern zu zermürben und zu destruieren, durch Raub

der Arbeit, der Wohnung, der nächsten Menschen, des Schlafes, durch

Demütigungen aller Art und Folter den Menschen als Menschen zu brechen, bis

ein blödsinnig dahinstierendes Wrack oder ein sich in Schmerzen windendes

Stück Fleisch endgültig gemordet wurde, nicht ohne auch noch der Pietät

beraubt und stattdessen der Verwertung preisgegeben zu werden. Es ging um

die Vernichtung des Menschlichen überhaupt.

Inständig hoffe ich, dass es Tante Gisela vergönnt war, dem zermürbenden

Elend, in das man sie für die letzten Jahre ihres Lebens mit grausamer

Gewalt gestoßen hat, zum Trotz, im großen und ganzen sie selbst zu bleiben

und irgendwie ihre Persönlichkeit zu bewahren. Gott allein weiß, wie es ihr

zuletzt ergangen ist.

Ich danke Ihnen und Ihrem Herrn Bruder, aber auch dem ganzen Arbeitskreis,

der sich in München mit Ihnen zusammen um das Gedenken bemüht. Die Toten

sind in der gnädigen Hand des Ewigen und wir können ihnen nicht mehr

helfen. Die Arbeit des Gedenkens aber dient den Gegenwärtigen und

Zukünftigen. Nie mehr soll solches wieder geschehen!

Trotzdem ist im Gedenken an das Ehepaar Goldlust doch auch ein etwas

irrealer Traum erlaubt. Ich meine es nicht als realistischen Vorschlag,

aber als einen schönen Traum:

Die Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße war die erste Synagoge,

die in Deutschland abgerissen wurde. Danach hat es Jahre der Zerstörung von

ehrwürdigen Gebäuden gegeben. Viele von diesen wurden, nach alten Plänen,

wieder aufgebaut. So darf man also phantasieren, dass man in einigen

Jahrzehnten oder Jahren, wenn die jetzt projektierte kommerzielle Nutzung

des Platzes wieder ausgenutzt sein wird, vielleicht auch diese Synagoge

wegen ihres symbolischen Wertes für das deutsche Geschichtsbewußtsein nach

alten Plänen neu aufbauen und das Gebäude einem würdigen kulturellen Zweck

zuführen könnte, falls es als Synagoge nicht Verwendung finden kann.

Mit nochmaligem Dank und herzlichen Grüßen

Ihr

Hans-Dieter Klein

Seite oben    Seite zurück