Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          

zurück

Auswahl
 Presse
 Dokumente
Stolpersteine in München

Erinnerung für die Zukunft
– Stolpersteine auch in München


Referat am 19.3.2005 beim „Politischen Samstagsgebet“ in der Evangelischen Studentengemeinde/TU in München von Reiner Bernstein

Lassen Sie uns über das Verständnis von Geschichte reden. Was meinen wir mit Geschichte? Welche Bedeutung legen wir ihr bei? Seit der Antike bemühen sich berufene Historiker und fachinteressierte Laien, diesen Prozess mit einer gültigen Definition zu füllen. Für die einen reduziert er sich auf das Schlachtengetümmel und ihre Kriegsherren, die das Schicksal der Menschen bestimmen. Die anderen wollen in der Geschichte einen tieferen Sinn sehen, sei er theologischer oder philosophischer Natur. Doch immer wieder ist erörtert worden, ob sich Geschichte wiederholt.

Ich möchte heute Abend vier unterschiedliche, sich aber ergänzende Ebenen beleuchten.


Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Ebene 4


Da ist zum einen der Geschichtsdeterminismus. Menschen glauben, dass Geschichte einer bestimmten Zielvorgabe unterliegt. Sie begegnet uns in der jüdischen und in der christlichen Theologie mit der Vorstellung vom Ende der Zeiten, vom Jüngsten Gericht und von der Ankunft des Messias – mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, ob der Messias zum ersten oder zum zweiten Mal kommt. Dieser Streit macht bis heute die Differenz zwischen Christentum und Judentum aus.

Die Vorstellung vom Ende der Geschichte begegnet uns aber auch in der Welt der politischen Philosophie. In der Französischen Revolution stand sie unter dem Zeichen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – heute würden wir „Geschwisterlichkeit“ sagen. Sie verhieß eine Welt der politischen und sozialen Harmonie. Zweihundert Jahre später hat der amerikanische Politologe Francis Fukuyama den Sieg des politischen Liberalismus – natürlich unter amerikanischer Führung – nach dem Zusammenbruch des Ost-West-Konflikts beschworen.

Eine andere Variante des deterministischen Geschichtsdenkens proklamierte der Marxismus. Für ihn stand am Ende der Zeiten die Erfüllung der Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Sie verhieß die Überwindung aller Klassenunterschiede und die Aufhebung der politischen Herrschaft der einen über die anderen.

Eine dritte Version wollte der Nationalsozialismus durchsetzen. An die Stelle der Klasse setzte er die Rasse, natürlich die arische mit der deutschen an der Spitze.

Alle diese endzeitlichen Vorstellungen sind untergegangen, die Utopie der Französischen Revolution am Sieg der Nationalstaatsidee, der nationalsozialistische Wahn ging in gnadenlosen Exzessen und in einem Meer von Blut unter.


Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Ebene 4


Die zweite Ebene, auf die ich verweisen will, belege ich mit dem Begriff der „Geschichtsvergessenheit“. Die „Totalherrschaft der Gegenwart“ (Botho Strauß), materialisiert in der Telekratie, ist die förmliche Kehrseite endzeitlicher Ekstasen. Wenn die Geschichte kein Ziel habe, so lautet ihre Logik, und eine ständige, gleichsam normale Wiederkehr von Versuch und Irrtum sei, können wir es uns schenken, sie zu verstehen und aus ihr lernen zu wollen. Die Quintessenz der Geschichtsvergessenheit begegnet uns, was die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus angeht, in allen Kreisen der Bevölkerung. Die einen rufen „Genug damit!“, die anderen machen es sich in verschwörungstheoretischen Konstrukten wie der Behauptung von der Kollektivschuld bequem. Ihnen gemeinsam ist, dass sie keine Antworten auf Fragen suchen, weil ihre Fragen bereits die Antworten sind.

Mehr als 68 Prozent stimmten in einer Studie zwischen 2002 und 2004 dem Satz zu: „Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“ Die Verbrechen werden hier nicht mehr geleugnet, aber man neigt dazu, sie mit der Aussage „Die Juden haben in Deutschland schon wieder zuviel Einfluss“ zu rechtfertigen. Man spürt den Wind brückenfähiger Argumentationen ins rechtsextreme Lager.


Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Ebene 4


Kommen wir zur dritten Ebene: Ich möchte sie als historischen „Interpretationsabsolutismus“ bezeichnen. Seine Befürworter verlangen Handlungshegemonie für die Ausgestaltung der Erinnerung und machen sich damit die Ermüdungserscheinungen des parlamentarischen Systems zunutze. Ihr Hang zu einsamen Entscheidungen fühlt sich dadurch bestätigt, dass sich immer mehr Menschen Politiker mit Führungskraft wünschen, um die gesellschaftspolitischen Probleme zu lösen. Der Verlust der Medienpräsenz gilt für diese Charismatiker so viel wie der Verlust der halben Existenz, hat Botho Strauß 1993 geschrieben; seither hat dieses Phänomen weitere Wucherungen erlebt. Um zu unserer Münchner Kommunalpolitik zurückzukehren: Neben dem Oberbürgermeister wirken alle Dezernenten blass, die Opposition ergeht sich in interner Kabale.

Nichtsdestotrotz berufen sich alle Seiten auf den Konsens der Demokraten, und wenn dies nicht weiterhilft, verschanzen sie sich hinter dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde – nicht wissen wollend, dass es bei Entscheidungen einen himmelweiten Unterschied zwischen halachischen und aggadischen Traditionen gibt, zwischen der Berufung auf das Regelwerk von göttlich inspirierten Geboten und der schieren Selbstverständlichkeit pluralistischer Interpretationen bei der Suche nach Antworten für den Alltag. Wäre diese Differenz bekannt, hätte sich das Betroffenheitsveto gegen die Verlegung von Stolpersteinen erledigt. Unsere Politiker sollten Theologie lernen.

Bis dahin soll nach ihren Vorstellungen die politische Willensbildung von oben nach unten erfolgen. Das gelte auch für die Erinnerungskultur. Kein Wunder also, dass die Zahl der Besucher öffentlicher Gedenkveranstaltungen von Jahr zu Jahr abnimmt. Sie haben ein Gespür dafür, das – um den Ordinarius für Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität Ludolf Herbst zu zitieren – „von oben induzierte, womöglich noch mit dem Anspruch auf ›Gültigkeit‹ auftretende Gesamtkonzepte ... es in einer pluralistischen und freien Wissenschaftslandschaft und Öffentlichkeit nicht geben“ kann. Ludolf Herbst fährt fort: „Geschichtsbetrachtung ist immer standortgebunden. Nur Positivisten und Dogmatiker glauben, dass dies anders ist. Dies heißt aber zugleich, dass unterschiedliche Konzepte der Sache nicht hinderlich, sondern förderlich sind.“

Wir wissen schon, was gut ist!, antworten darauf unsere Damen und Herren aus der Kommunalpolitik. Beratungsangebote und Gesprächsbitten von außen werden entweder gar nicht beantwortet oder sie werden mit dem Hinweis auf die Verfassung der repräsentativen Demokratie beschieden, wenn nicht gar Bosheiten wie die der „Gedenktäter“ zur Hand sind. Nazis und ihre Gegner werden umstandslos in einen Topf geworfen, wie praktisch. Wenn auch diese Beleidigung keine Ruhe einkehren lässt, wird entweder zur Auswanderung in eine andere Stadt geraten, in der Stolpersteine verlegt worden sind, oder es wird voller Wohlwollen nahegelegt, doch ein Bürgerbegehren zu veranlassen. Mit der Realisierung dieses Vorschlags kämen jedoch Volkes Untiefen zum Vorschein, nachdem gerade das Repräsentativmodell als politische ultima ratio gepriesen worden ist.


Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Ebene 4


Damit bin ich auch schon bei der vierten und letzten Ebene dessen, was Geschichtsverständnis meinen kann. Ich subsumiere es unter das Motto der Gnade des geschichtlichen Rückblicks. Anders ausgedrückt: Wir haben noch einmal die Chance, zu uns selbst zu finden. Sie speist sich aus der bitteren Erfahrung, dass zahlreiche Programme der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, der fachwissenschaftlichen Literatur, der Gedenktage- und der Gedenkstättenarbeit sowie die kontinuierlichen Geschichtsdokumentationen der Medien einen – nun sagen wir – überschaubaren Erfolg ausgelöst haben. Juden? „Das sind die, die Hitler abgemurkst hat“, sagte neulich ein Schüler im Fernsehen – ohne einen bösen Hintergedanken, wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in ihrer letzten Ausgabe beklagte.

Es muss auch an dieser Stelle wiederholt werden: Als Initiatoren der Stolperstein-Idee sind wir kein Konkurrenzunternehmen zu den Planungen des Jüdischen Gemeindezentrums am Jakobsplatz und dem NS-Dokumentationszentrum. Aber wir glauben in Anlehnung an die Ausführungen von Professor Herbst, dass das Stolperstein-Projekt als Erinnerungszeichen bei den Betrachtern einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, und zwar aus einem schlichten Grund: Es entreißt das einzelne Opfer der Anonymität auf Gedenkplatten mit vielen hundert, bisweilen tausend Namen.

Meine Frau und ich waren gerade in Berlin und haben das noch nicht der Öffentlichkeit übergebene Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor besucht. Ja, auch dort steigen viele Menschen auf die Aussichtsplattform, um sich zu informieren. Lauscht man jedoch die Stimmen der Besucher ab, dann merkt man schnell, dass es sich fast durchgängig um Touristen handelt. Die Dokumentation des millionenfachen Mordes hat mit ihrem Alltag nichts zu tun. Hingegen wird die Befassung mit den Schrecken der NS-Zeit dort förmlich greifbar, wo das Schicksal eines einzelnen im Mittelpunkt steht. Die immense Informations- und Aufklärungsarbeit, die Zeitzeugen jahrzehntelang geleistet haben, wird in Kürze in den Schulen und in der Bildungsarbeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Das meint „Standortgebundenheit“. „Die Erinnerung stirbt mit denen, die damals lebten“, schreibt Kurt Kister in der heutigen Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“

In Berlin-Mitte, in der Rosenthaler Straße 40-41 am Hackeschen Markt – ich greife die Inschrift eines Stolpersteins heraus –, wohnten sechs Kinder mit ihren Eltern. Das jüngste, Ury Davidsohn, war gerade einmal zwei Monate alt, als es am 30. Juni 1943 deportiert und ermordet wurde. Die Rezeption der Geschichte der Anne Frank ist ungebrochen.

Mit den Stolpersteinen geht es uns um jene bewegende Kraft, die ich gern als Nachdenklichkeit bezeichne – so selbstverständlich, wie ich heute an jenem Haus in der Maximilianstraße 43 vorbeigehe, vor dem ein Unbekannter vor einem Jahr ersatzweise fünf Stolpersteinfolien für die deportierte und ermordete Familie Koppel verlegt hat, so scheinbar selbstverständlich wurden damals Menschen aus ihrem Alltag herausgerissen und der Todesmaschinerie übergeben.

Hannah Arendt hat die Erkenntnis von der Durchschnittlichkeit des damaligen Handelns als die Banalität des Bösen bezeichnet. „Es gab“, schrieb sie als Fazit ihres Besuchs im Westdeutschland der Nachkriegszeit, „im Dritten Reich nur wenige Menschen, die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen.“ In München hat die Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach vor wenigen Tagen an das „Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit der Zivilisation“ erinnert.

Ein letzter, aber in unserer Zeit leerer Kassen offenkundig wichtiger Hinweis: Die Verlegung der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten belastet den Münchner Haushalt mit keinem Cent. Sie ist ein Bürgerprojekt – eine Pflanzstätte der Demokratie –, für das sich bisher viele hundert Menschen mit der Übernahme einer Patenschaft zu je 95 Euro bereit erklärt haben. Seit dem Ratsbeschluss im vergangenen Juni sind viele Dutzend Presseberichte im In- und Ausland erschienen, die mehr oder minder deutlich das Verbot der Verlegung kritisieren. Aus inneren und äußeren Gründen frage ich, wie lange die Stadt München ihre Farce durchhalten und den Image-Schaden in Kauf nehmen will.

Seite oben    Seite zurück