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Stolpersteine in München

Vortrag zum Thema Gedenkkultur in München ©

SPD-Veranstaltung in München, 23.2.2005, im Kolpinghaus

Von Richard Chaim Schneider


Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen dafür bedanken, daß Sie mir die Gelegenheit geben, hier vor Ihnen meine Gedanken zur Münchner Gedenkkultur darzulegen. Ich hatte ja ursprünglich dafür plädiert, dem heutigen Abend den Titel zu geben: „Stolpert München über das Gedenken?“, doch die Reaktionen auf diesen Vorschlag waren, nun ja, verhalten nervös. Womit wir aber bereits mitten im Thema wären. Natürlich hatte ich die Absicht, damit auf die aktuelle Diskussion, um nicht zu sagen: auf den Streit um die Stolpersteine anzuspielen. Die etwas gequälte Reaktion seitens Ihrer Partei auf meinen Titelvorschlag ist nur ein weiteres Indiz, daß in dieser Stadt offensichtlich etwas nicht stimmt mit der Gedenkkultur.

Ich produziere im Augenblick für die ARD eine vierteilige Dokumentation über Juden in der deutschen Nachkriegskultur und wie es der Zufall will, hat die Produktionsfirma, mit der ich für diese Serie zusammenarbeite, ihren Sitz in der Herzog-Rudolf-Straße, im Hinterhof genau jenes Anwesens, wo einst die Ohel-Jakob-Synagoge stand, die 1938 in der sogenannten „Reichskristallnacht“ zerstört wurde. Wenn ich also in den Schnitt gehe, komme ich regelmäßig an jener Gedenktafel vorbei, die daran erinnern soll, daß hier einmal ein jüdisches Gotteshaus stand. Allerdings: Diese Gedenktafel ist an der Häuserfassade so weit oben angebracht, daß der normale Fußgänger sich schon halb den Kopf verrenken muß, um sie überhaupt wahrnehmen, geschweige denn lesen zu können. Mit anderen Worten: Gedenken findet in dieser Stadt irgendwie statt, aber in gewisser Hinsicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Oder anders gesagt: Das Gedenken an den Nationalsozialismus in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“ findet jenseits der Wahrnehmung der Gesellschaft statt, ja, so würde ich mal provokant behaupten, an der Öffentlichkeit vorbei. Lassen Sie mich dazu noch ein weiteres Beispiel geben, damit deutlich wird, was ich meine: Im Alten Rathaus befindet sich eine Tafel, die daran erinnert, daß von diesem Ort aus einst der Befehl für die „Reichskristallnacht“ gegeben wurde. Die Stadt München ist sehr stolz, daß sie diese Tafel vor einigen Jahren hat errichten lassen. Nur: warum ist diese Tafel im Inneren des Gebäudes – und nicht außen? Es gäbe noch eine Reihe weiterer Beispiele ähnlicher Art!

Warum fand die letzte Gedenkveranstaltung zum 9.November ebenfalls im Inneren des Alten Rathauses statt, also unter Ausschluß der Öffentlichkeit und nicht an einem öffentlichen Platz, draußen? Zumindest über zwei Gründe, die dafür mitverantwortlich sind, muß ich heute Abend sprechen. Das ist zum einen, daß die IKG, die jüdische Gemeinde diese Form der Veranstaltung begrüßte, zum anderen, daß der einstige Ort des Gedenkens am 9. November ja nicht mehr existiert: Der Ort, wo bis Juni 1938 die drittgrößte Synagoge Deutschlands stand....

Wer soll eigentlich Gedenken? Wem „gehört“ das Gedenken? Und: hat die jüdische Gemeinde eine Art „Oberhoheit“ über das Gedenkritual dieser Stadt, dieses Landes?

Zunächst einmal, um es ganz klar zu sagen, und ich sage das als Jude, als Kind eines Vaters, der Auschwitz überlebt hat, im Gegensatz zu seinen Eltern und seinen Geschwistern, und als Kind einer Mutter, die die KZ Oranienburg, Dachau, Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hat, als Enkel eines Großvaters, der Mauthausen überlebt hat. Als Jude brauche ich – und ich erlaube mir da jetzt mal den Plural anzuwenden – als J u d e n brauchen wir das öffentliche Gedenken an bestimmten Tagen im Jahr nicht. Wir gedenken täglich! Es gibt nicht einen Tag, an dem mir nicht bewußt ist, welche Folgen „Auschwitz“ für mein Leben hat. Daß ich meine väterlichen Großeltern nie kennenlernen konnte, daß ich nicht einmal weiß wie sie oder meine Onkeln und Tanten ausgesehen haben. Daß ich allerdings weiß, wie die zerstörte Psyche meines nun schon lange verstorbenen Vaters und meiner immer noch lebenden Mutter ausgesehen haben, bzw. noch aussehen. Brauche ich eine Gedenkstätte? Einen Gedenkort? Einen Gedenktag? Gewiß nicht.

Wer diese also braucht, ist Deutschland, ist München, ist die Gesellschaft, die Bevölkerung, die Nachkommen der Täter, der Tätergesellschaft. Für sie ist das Gedenken, ist das Gedenkritual entscheidend. Es ist identitätsstiftend und zugleich Ausdruck eines staatlichen Selbstverständnisses, daß mit dem Begriff „demokratisch“ nur unzureichend umrissen werden kann, denn es geht um eine staatliche Ordnung, die den nichtjüdischen Bürgern dieses Landes aufgrund der Geschichte zunächst einmal um ihrer selbst willen „heilig“ sein sollte. Nicht unseretwegen, nicht um uns Juden wegen oder um anderer Minoritäten wegen.

Insofern ist die Frage: „Wie gedenken?“ eine Frage, die sich diese Gesellschaft, und hier möchte ich ab jetzt konkret werden: die sich München, die Münchner selbst stellen sollen und müssen. Doch was wir erleben, zumindest habe ich diesen Eindruck, ist, daß die Stadt in Panik und Angst, irgend etwas falsch zu machen, auf die Juden, auf die IKG München schielt. Was werden die Juden sagen? Wie wollen’s die? Und: wenn die sagen, wir wollen es so und so, dann wird das nicht hinterfragt, dann ist das richtig, dann ist das schon beinahe sakrosankt und eine Seligsprechung für alles, was wir in diesem Sinne dann entscheiden, es kann gar nicht mehr falsch sein, die Juden haben’s ja gesagt!

Das, meine Damen und Herren, ist nicht nur Unsinn, es ist viel schlimmer: Es ist die Abgabe jeglicher Verantwortung, die Zurückweisung von Verantwortung für eigenes Nachdenken, eigenes Gedenken. Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang die beiden jüngsten Beispiele von – in meinen Augen – gescheitertem Gedenken in München nennen: Es geht um den Platz der ehemaligen Hauptsynagoge hinter dem Künstlerhaus und, ja, jetzt kommt’s, es geht natürlich auch um die Stolpersteine.

Beginnen wir mit dem Platz der ehemaligen Hauptsynagoge. Viele von ihnen kennen vielleicht meinen Artikel, den ich einst in der FAZ veröffentlich hatte, um gegen den Verkauf des Platzes zu protestieren, vielleicht haben auch manche meinen entsprechenden Fernsehbeitrag im Bayerischen Rundfunk gesehen, in dem sich u.a. der inzwischen verstorbene Präsident des Landesverbandes Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern Simon Snopkowski, Rachel Salamander, sowie der Kulturwissenschaftler Prof. Detlef Hoffmann entschieden gegen den Verkauf des Platzes ausgesprochen hatten.

Mir wurde damals von verschiedensten Seiten vorgeworfen, ich wäre gegen den Bau eines neuen Gemeindezentrums, ich sei ein Lakai der CSU, weil ich beim BR in Brot und Lohn stehe, und was nicht noch so alles für Unsinn. Zunächst, und das nur am Rande: Ich bin sehr wohl ein Befürworter eines neuen Gemeindezentrums, wenngleich ich auch weiterhin meine Zweifel habe, ob der St. Jakobsplatz der ideale Ort dafür ist, vor allem aber, ob mit der Zusammenlegung aller jüdischen Institutionen an einem Ort nicht eine Art neues Ghetto geschaffen wird. Doch das ist ein anderes Thema.

Zurück also zum Verkauf des Platzes der ehemaligen Hauptsynagoge. Ich halte diese Entscheidung nach wie vor für einen fatalen Fehler. In den 50er und 60er Jahren war der Umgang mit historisch bedeutsamen Orten im Zusammenhang mit dem Holocaust fatal. Es wurden zahlreiche Fehler gemacht, die heute nicht mehr zu ändern sind. Nicht nur in München, in ganz Deutschland wurde gebaut oder vernichtet, mit anderen Worten: wurde die Geschichte entsprechender Orte unkenntlich gemacht. Das ist nicht mehr zu ändern. Aber heute, heute sind wir klüger, erfahrener, auch, und das ist ja gerade das Besondere und Gute an der Entwicklung in der Bundesrepublik, heute sind wir auch: bewußter.

Wie konnte es also dazu kommen, daß man leichtsinnigerweise den Platz hinter dem Künstlerhaus aufgibt? Die leeren Haushaltskassen und der Wunsch, „die Juden“ zurück in die Mitte der Stadt zu holen, ist ebenso verständlich wie nobel und löblich. Doch um welchen Preis? Daß von jüdischer Seite die Neubebauung eines Platzes, wo einst eine Synagoge stand, in Ordnung geht, ist nach dem Religionsgesetz abgesichert: Nur Friedhöfe müssen nach der Halacha auf ewig bewahrt werden. Doch kann es sich eine Stadt wie München wirklich leisten, daß in einigen Jahren dort, wo einst Juden beteten, Klopapier und Unterhosen verkauft werden? Daß die Stadt einen der letzten noch existierenden Gedenkorte zum Holocaust wirklich aufgibt? Um ihretwillen, nicht um der Juden willen? Ist da das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet worden? Oberbürgermeister Christian Ude verteidigte in einem Interview diese Entscheidung u. a. auch damit, daß die Grünanlage ja nichts hergäbe als Gedenkort, da dort Penner schliefen und Hunde ihr Geschäft verrichteten. Ja, wenn das so ist – warum hat die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten nie dafür gesorgt, daß dies nicht mehr geschieht? Warum – und diese Frage müssen sich die Verantwortlichen gefallen lassen – warum hat München diesen Gedenkort einfach verkommen lassen und daraus nicht in all den Jahren eine wirklich würdige Gedenkstätte gemacht? Es war zwar eine Auflage der IKG beim ersten Verkauf in den 50er Jahren, daß dort eine Grünfläche sein sollte, doch hätte die Stadt ernsthafte Anstrengungen unternommen, dort eine echte Alternative zu entwickeln - ich bin mir sicher, die IKG hätte dem zugestimmt.

Doch weiter: München war glücklich, durch den Verkauf des Platzes die Finanzierung des neuen Gemeindezentrums endlich in trockenen Tüchern zu haben. Und schließlich: Es kann ja nichts falsch an dieser Entscheidung sein, schließlich hat Charlotte Knobloch, schließlich hat der Vorstand der IKG diesen Schritt befürwortet. Nur – und ich meine das absolut nicht hämisch: wer ist der Vorstand der IKG? Will heißen: Sind die Menschen, die für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft dieser Stadt verantwortlich sind, auch diejenigen, die zum Thema Gedenkkultur immer die Ultima Ratio haben, nur weil sie Juden sind? Mitnichten. Sind sie dadurch, daß sie Juden sind, auch sofort Fachspezialisten in Sachen Erinnerungskultur? Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Die IKG München, sie ist EINE Stimme, die gehört werden muß, aber eben nur: EINE. Und sie ist übrigens auch: nur EINE Stimme innerhalb des jüdischen Spektrums! Wir Juden sind weiß Gott nicht immer unisono einer Meinung, im Gegenteil. Sie kennen ja den uralten Witz: 2 Juden, drei Meinungen. Und allein bei der Diskussion um die Stolpersteine, hat sich beispielsweise der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, auch der neue Präsident des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Schuster, positiv geäußert, und auch zum Verkauf des Platzes hinterm Künstlerhaus hatte der Architekt Salomon Korn ganz andere Überlegungen als die IKG.

In diesem Sinne halte ich die Entscheidung, den Platz freizugeben, nicht nur für fatal bezüglich der Gedenkkultur in dieser Stadt, sondern auch für undemokratisch in dem Sinne, daß das Procedere zur Absegnung natürlich dem demokratischen Prozeß folgte, diesem allerdings nicht eine breite öffentliche Diskussion vorausging, die, meines Erachtens, dringend nötig gewesen wäre, um das Für und Wider einer solchen Entscheidung zu erörtern und zu diskutieren, insbesondere für die Zukunft, insbesondere für die Zeit, wenn es keine Zeitzeugen der Shoah mehr geben wird. Hier werfe ich der Stadt fatale Versäumnisse vor, die nicht uns Juden weh tun, sondern auf lange Sicht: den Menschen dieser Stadt, den Deutschen in toto. Hätte es eine breite Diskussion gegeben, an der sich Juden und Nichtjuden, Fachleute, Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler, Politiker beteiligt hätten – es hätte zumindest die Möglichkeit einer ernsthaften Meinungsbildung zu einem komplexen Thema gegeben. Und wäre dann dieselbe Entscheidung getroffen worden wäre hinsichtlich des Verkaufs, so wäre dies eine völlig andere Situation, die dann einen ganz anderen Stellenwert gehabt hätte. Ich persönlich hätte sie dann auch noch falsch gefunden, aber das wäre nicht mehr von Belang. Es wäre eine wahrhaft demokratische Entscheidung gewesen, die auch ich zu respektieren hätte. Jetzt allerdings, so, wie die Dinge gelaufen sind, muß ich die Entscheidung als demokratischer Mensch akzeptieren, respektieren kann ich sie nicht. Die öffentliche Diskussion hat gefehlt.

Dieser Fehler wiederholte sich jetzt erneut im Zusammenhang mit den Stolpersteinen. In einer nahezu einsamen Entscheidung sprach man sich gegen diese Form des Gedenkens aus. Wieder berief man sich auf die offizielle jüdische Stimme, die – ich glaube, es war insbesondere der CSU-Stadtrat und Vorstandsmitglied der IKG Marian Offmann – erklärte, die Stolpersteine seien als Idee unerträglich, weil man nicht sehen wolle, wie sich dort Nazi-Stiefel den Dreck abputzten, ich glaube, ich gebe das Argument sinngemäß richtig wieder.

Dies ist eine Ansicht, die es zu respektieren gilt, keine Frage. Und sogar ich, der ich ein vehementer Befürworter der Stolpersteine bin, kann sie verstehen. Nur: ist sie die richtige Ansicht? Schließlich hat sich diese Form des Gedenkens in vielen anderen Städten Deutschlands bewährt. Warum also nicht auch in München? Warum dieser irrsinnige, eigentlich schon irrationale Widerstand? Warum erbost es die Stadt, wenn eine Gruppe von Intellektuellen und Künstlern, darunter auch Gert Heidenreich und Friedrich Ani in einer öffentlichen Anzeige in der Süddeutschen Zeitung gegen den Entscheid der Stadt protestieren? Auch ich gehörte zu den Unterzeichnern und der Vorwurf des Bürgermeisters in einem offenen Brief, wir Unterzeichnenden befänden uns – ich zitiere: „in einer sehr deutschen Tradition, gewählte demokratische Institutionen verächtlich zu machen“, ist, nun...... ich will mich einer verbalen Bewertung enthalten, sie würde ziemlich heftig ausfallen.

Worum geht es da eigentlich? Was ist das wahre Problem? Daß einige Stolpersteine ohne offizielle Genehmigung verlegt wurden? Folgt man den Paragraphen des Gesetzes, so war es selbstverständlich legitim, die Stolpersteine wieder entfernen zu lassen. Allerdings: Die Tatsache, daß diese auf diese Art und Weise verlegt worden waren, und wir sprechen hier ja nicht von Betrug oder Diebstahl oder gar Mord, diese Tatsache sollte den Verantwortlichen zu denken geben. Insofern, als offensichtlich auch in diesem Fall nur auf diese spektakuläre Art und Weise eine öffentliche Diskussion um das richtige Gedenken erzwungen werden konnte, weil wieder einmal die breite Diskussion nicht stattgefunden hat. Wem gehört das Gedenken denn? Der IKG? Dem Bürgermeister? Wem, wenn nicht der gesamten Gesellschaft, die Verantwortung übernehmen muß in dieser Zeit, die eine Wendezeit ist. Die letzten Zeitzeugen der Jahre 33 – 45 werden bald sterben, was dann? Wie soll’s dann weitergehen mit dem richtigen Gedenken?

Es reicht einfach nicht, den Juden ein neues Gemeindezentrum zu bauen. Das ist prima und schön, aber das ist eine – buchstäblich – andere Baustelle als das Thema Gedenkkultur. Da paßt es auch nicht, wenn von anderer Stelle ein Begriff wie „Gedenktäter“ verwendet wird. Da wird etwas unnötig mit Aggression und Wut hochgeschaukelt, was wirklich nicht nötig und gewiß nicht am Platze ist. Eine öffentliche, gerne auch leidenschaftliche Diskussion würde allen zugute kommen.

Schließlich und endlich möchte ich Ihnen noch kurz erklären, warum ich ein Befürworter der Stolpersteine bin. Ich bin davon überzeugt, daß die Gedenkkultur, so wie wir sie im Augenblick in der Bundesrepublik haben, banal geworden ist, um nicht zu sagen: unwirksam. Tafeln an der Wand, Denkmäler etc. – man übersieht sie gerne. Über die Stolpersteine würde der Fußgänger buchstäblich stolpern. Er müßte hinschauen, wohin er tritt, würde wahrhaftig erinnert werden, würde sich vielleicht auch ein paar Gedanken machen. Und wenn ein Nazi seinen Stiefel an einen Stolperstein abputzt? Mich tät’s nicht stören. Es ist kein Grab, es ist nicht das Opfer selbst, es ist ein Stein mit einem Namen, der auch ihn, den Nazi, an etwas erinnert, an das er sich partout nicht erinnern will. Insofern hätte der Stolperstein seine Funktion bestens erfüllt. Und der Gesellschaft würde einmal mehr deutlich werden, daß in dieser Stadt eben nicht nur anständige Bürger und Demokraten leben.

Ich will ihnen noch eine andere Form des alternativen Gedenkens vorstellen, vielleicht kennen sie es ja. In Berlin, in der Großen Hamburger Straße, gleich gegenüber vom jüdischen Gymnasium, in unmittelbarer Nähe des Umschlagplatzes, von dem aus die Berliner Juden abtransportiert wurden, befindet sich auf der Brandmauer zweier Häuser ein von dem jüdisch-französischen Künstler Christian Boltanski errichtetes Denkmal: Auf weißen Tafeln die Namen von Juden, die einst in diesen Häusern gelebt hatten. Derjenige, der daran vorbeigeht, kommt nicht umhin, hinzuschauen, nachzudenken. Franz Kafka hat einmal gesagt: wenn ein Buch nicht das Eismeer in meinem Schädel zerhakt, wozu dann dieses Buch? Selbiges gilt auch für das Gedenken. Daran sollte die Stadt zuallererst denken. Es war schließlich Oberbürgermeister Christian Ude selbst, der in einem Brief vom 9.1.2004 bestätigt hat, daß die herkömmlichen Formen des Gedenkens nicht mehr funktionieren. Ich zitiere: „Schon heute nehmen an den Gedenkfeiern ... nur beschämend wenige Menschen teil.“ Die Stadt München sollte sich einmal Gedanken machen, warum das so ist. Und vielleicht auch darüber, daß die Stolpersteine deshalb in den Boden verlegt werden, weil viele Hausbesitzer sich weigern, Erinnerungstafeln an ihre Häuser anzubringen. Soviel zur Erinnerungskultur in dieser Stadt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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