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Stolpersteine in München

Ansprache von Jenny Kauther - übertragen von der ARD


"Nein, das wollen wir nicht vergessen"


Am Neujahrstag 2005 fand in Bremen ein ökumenischer Gottesdienst statt, der von der ARD übertragen wurde. Seither erhalten wir in München zahlreiche Anfragen nach dem bewegenden Text der Ansprache, die eine Bürgerin der Stadt, Jenny Kauther, gehalten hat. Wir sind dem Rundfunkbeauftragten der Bremischen Evangelischen Kirche, Pastor Olaf Droste, für die Übermittlung des Textes dankbar.

In Berlin bin ich zum ersten Mal über einen von diesen Stolpersteinen gestolpert. Fast wäre ich einfach darüber hinweg gelaufen, ohne ihn zu bemerken, weil ich den eigenen Gedanken nachhing. Wie man halt oft so durch die Stadt geht. Da verliert sich der Blick ja nun mal selten nach unten auf den Boden. Aber irgendwie hat er sich mir dann doch bemerkbar gemacht, der Stolperstein – vielleicht, weil er ein wenig uneben war, oder größer, glänzender als die anderen Steine im Pflaster.

Und er hat mich berührt: Mitten im Alltag: ein Name, zwei Daten, das Wort „deportiert“. Ein Ort oder Lager – war es Minsk oder Treblinka? Ein Fragezeichen, was den Verbleib angeht.

„Hier hat sie gewohnt“, steht auf dem Stein. Und plötzlich ist die Geschichte ganz nah. Unwillkürlich schau ich die Häuserwand hoch. Hier hat sie gewohnt. Wie sah sie wohl aus? Was war sie für ein Mensch? Worüber hat sie sich wohl den Kopf zerbrochen? Worüber hat sie gelacht? Eine Frau wie ich, oder meine Nachbarin. Nur eben eine Kommunistin, eine lesbische Frau oder eine Jüdin.

Die Stolpersteine machen etwas mit uns, sie lassen uns – fast unbemerkt – zu Akteuren in einer Inszenierung werden: Ohne, dass es mir bewusst ist, trete ich mit den Füßen auf Namen von Menschen. Das hat Geschichte. Auch damals wurden Menschen mit Füßen getreten – nur eben in kalter Absicht. Damals wurde versucht, ihre Namen, ihre Geschichten und Gesichter aus dem Gedächtnis des Volkes auszulöschen. „Ich habe es nicht gewusst. Ich habe es nicht bemerkt!“ Die Stolpersteine inszenieren auch diesen oft gesagten Sätze neu, denn sie sind unauffällig ins Pflaster integriert.

Aber wenn man über sie stolpert, sie bemerkt, bewegen sie etwas.

Dann geht man vielleicht anders weiter, nachdenklicher und achtsamer, so hoffe ich. Die eigene Stadt, der Stadtteil bekommen mit den Steinen ein neues Gesicht. Hier, in meiner schönen Altbauwohnung, hat damals eine Familie gewohnt, die deportiert wurde. Und das Geschäft an der Ecke gehörte damals… Das ist anders, als wenn man nur im Geschichtsunterricht in der Schule oder in der Zeitung vom sogenannten Dritten Reich hört und liest. Die Geschichte wird lebendiger.

Sie rückt näher. Und wird so auch zum Anstoß, denn es ist unbequem zu erfahren, was man vorher nicht wusste und vielleicht auch gar nicht wissen wollte. Die Stolpersteine konfrontieren uns mit dem ungeliebten, dunklen Kapitel unserer Geschichte.

„Hört doch auf, immer wieder von diesen alten Geschichten anzufangen, das muss doch mal vergessen sein!“ sagen manche.

„Nein, das wollen wir nicht vergessen!“ sage ich und sagen all die, die mit ihrer Patenschaft das Projekt der Stolpersteine unterstützen – hier in Bremen wie in vielen Städten Deutschlands. Wir wollen uns erinnern, um der Opfer willen und auch um unserer Zukunft und der Zukunft unserer Kinder willen. Damit es nie wieder in unserem Land passiert, dass die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird.

Oft werden es wohl Kinder sein, die die Stolpersteine entdecken. Sie sind näher am Boden und neugieriger auf ihre Umgebung als wir Großen. Und wenn sie dann fragen „Mama, was steht da?“ dann liegt es an uns. Dann liegt es an uns, ob wir ihnen erzählen, wer in den Häusern unserer Stadt gewohnt hat und warum alle diese Menschen verschwunden sind, oder ob wir sie schnell da wegzerren, um unbequemen Fragen aus dem Weg zu gehen.


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