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Stolpersteine in München

Bürger als Täter?
von Judith und Reiner Bernstein




Am Chanukka-Wochenfest werden zur Erinnerung an die Makkabäer nacheinander acht Kerzen gezündet, um den Sieg über den Hellenismus und König Antiochos Epiphanes zu feiern, der götzendienerische Darbringungen auf einem eigens errichteten Altar angeordnet hatte. Seither wird Chanukka in der jüdischen Tradition als ein fröhliches Fest begangen, bei dem gespielt, gesungen und getanzt wird. Doch zuvor, als Judah Makkabäus, so wird uns berichtet, seine Anhänger zum Kampf aufrief, da "zitterten die Sünder in Furcht vor ihm, und alle Übeltäter bebten".

Bei der diesjährigen Chanukka-Feier auf dem Münchner Jakobsplatz ging es weder feierlich noch gut gelaunt zu. Das lag an den äußeren und inneren Kältegraden. Denn die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde nahm den Ausklang zum Anlass, mehr als ein Drittel ihrer kostbaren Redezeit für heftige Attacken gegen die Initiatoren der Stolperstein-Idee zu verwenden. Wer dabei war, erzitterte zwar nicht in Furcht, weil er sich als Übeltäter ertappt sah, doch überfiel ihn großer Schrecken. Denn alles, was man Neonazis und Rechtsextremisten vorwirft, glaubte Frau Knobloch den Initiatoren anhängen zu müssen. Sie scheute sich nicht einmal, den nach ihren Worten kleinen Haufen unbekannter Hergelaufener als "Gedenktäter" abzukanzeln, die die Erinnerung an die Deportierten der Nazizeit in den Schmutz ziehen und sie durch ihr Tun noch einmal ermorden wollten. Oberbürgermeister Christian Ude äußerte sich zwar im Ton verbindlicher, in der Sache jedoch nicht weniger schroff. Ein antijüdisches Publikum hätte garantiert sein helles Vergnügen gehabt.

Die Denunziation ließe sich in doppelter Hinsicht sportlich nehmen. Man könnte sich einer klammheimlichen Freude darüber ergeben, dass die politische Spitze der Stadt und die Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland öffentlich eingestehen, welch achtungsgebietende Spuren die Idee der Stolpersteine bei ihnen hinterlassen hat. Und dass sie einer Verlegung keinen größeren Gefallen erwiesen haben, weil nun auch Unentschiedene wissen, woher und wohin der Wind weht. Man könnte sich andererseits zurücklehnen und darauf vertrauen, dass der "Münchner Weg" in der Sackgasse des Großen Friedens zwischen Stadt und Kultusgemeinde enden wird, der sich um die Angehörigen anderer Opfergruppen nicht weiter kümmern will.

Es hat keinen Sinn, noch einmal manch amtliche und offiziöse Behauptung zurückzuweisen wie die, dass die Toten durch die kleinen Messingplatten in den Schmutz gezogen würden. Wäre dies der Fall, sollten die eingelassenen Dokumente zur Erinnerung an die Weiße Rose vor der Universität umgehend entfernt und kein Namensstein auf dem jüdischen Friedhof gesetzt werden. Es hilft auch nicht der moralisierende Appell an den Konsens der Demokraten, wenn damit gemeint ist, "die überwältigende Mehrheit des Stadtrates" (Ude) habe in dieser Sache entschieden und damit basta. Das Gedenken an die Opfer verträgt keine arithmetische Gesetzlichkeit, denn es geht um die Stabilisierung des demokratischen Gemeinwesens. Dazu ist es an der Zeit, dass Stadt und Kultusgemeinde die eigentlichen Motive für ihre Ablehnung auf den Tisch legen, statt seit zwei Jahren Gespräche zu verweigern. In der Stadt machen gefährliche Gerüchte die Runde, denen die Gelegenheit für ihre Zwecke gerade recht kommt.

Die Offenheit im Umgang sind die Verantwortlichen auch den Initiatoren der Stolpersteine schuldig, zu denen Personen gehören, die von den Nazis ins Konzentrationslager geworfen wurden, die engste Familienangehörige verloren haben und die sich seit Jahrzehnten als Lehrer, Museumspädagogen, Künstler und Historiker um die Erinnerungskultur in Deutschland bemühen. Ihnen das Verdikt der "Gedenktäter" entgegenzuschleudern, ist beschämend. Oder soll die Ankündigung von Überlebenden Schule machen, die sich die Einfügung der Namen ihrer ermordeten Verwandten auf der geplanten Gedenktafel am Jakobsplatz verbeten haben?

Die Stolpersteine sind ein Medium, aus Massenmord und Shoah für die Gegenwart und Zukunft zu lernen. Den Nachweis für die Notwendigkeit, den Anfängen zu wehren hat jüngst die Untersuchung der Universität Bielefeld über "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" geliefert. Sie kommt zum Schluss, dass medienpolitische und pädagogische Bemühungen in den vergangenen Jahrzehnten das Anwachsen antisemitischer Mentalitäten in der Bevölkerung nicht verhindert haben. Nennen wir ein Beispiel: Der Formulierung "Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden" stimmten 44,5 Prozent der Befragten "voll und ganz zu" und 23,8 Prozent stimmten "eher zu".

Wir brauchen in dieser Stadt keine Wiederholung der jahrelangen Auseinandersetzungen um das Berliner Holocaust-Denkmal. Was wir aber brauchen, sind Antworten auf die Frage, ob monumentale Gedenksteine am Jakobsplatz, die rund um die Uhr vor politischem Vandalismus geschützt werden müssen, und ob Mahntafeln an Gebäuden, die das Auge des Suchenden kaum entdeckt, die einzige Antwort auf die um sich greifende Vergangenheitsvergessenheit sind. Die Antwort ist klar: Die Einladung an jeden Münchner und jede Münchnerin, mit einem Stolperstein das Andenken an die Deportierten und Ermordeten zu ehren, ist ein eminent wünschenswertes Zeichen politisch-pädagogischer Verantwortung. Das veränderte Meinungsklima darf durch kleinliches Gezänk nicht bestätigt werden.

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