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Stolpersteine in München

Podiumsdiskussion am 9.12.04 - Beitrag von Judith Bernstein


Von Köln lernen, München überzeugen, aller Opfer gedenken

Podiumsdiskussion, veranstaltet von der Petra-Kelly-Stiftung
am 9.12.2004

Mit
Angela Spizig, Bündnis 90/Grüne, 3. Bürgermeisterin, Köln
Lydia Dittrich, Bündnis 90/Grüne, Stadträtin, München
Judith Bernstein, Initiativkreis Stolpersteine München
Albert Knoll, Forum Homosexualität und Geschichte
Erich Schneeberger, Dachverband der Sinti und Roma in Bayern

Moderation: Dr. Florian Roth

Vortrag von Judith Bernstein

Über die Ablehnung des Stadtrates und der "Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern", Stolpersteine in München zu verlegen, ist in den letzten Monaten ausführlich berichtet worden. Deshalb möchte ich nicht noch einmal darauf eingehen, sondern in die Zukunft schauen. Wir wollen nicht auf Konfrontation zur Israelitischen Kultusgemeinde und zur Stadt gehen. Ich respektiere den Beschluss der Stadt, auch wenn ich glaube, dass die Argumente gegen die Stolpersteine nur als Vorwand benutzt werden. Sind die Bürgersteige in München anders als in Köln, Berlin und Hamburg? Sind die Opfergruppen andere als die in den genannten Städten? Über die wahren Gründe des Stadtrates und der Gemeinde kann man nur spekulieren. Wenn Mitglieder der Gemeinde für ihre Angehörigen eine andere Art zu gedenken wünschen, so ist dieser Wunsch zu respektieren. Aber ich erwarte, dass man auch unsere Vorstellungen des Gedenkens anerkennt. Denn auf die Art des Gedenkens gibt es kein Monopol. Deshalb wiederholen wir unsere Bitte an die Stadt zu einer offenen Diskussion.

Warum sind die Stolpersteine für uns als Initiatoren so wichtig? Die Mammutdenkmäler wie zum Beispiel in Berlin beeindrucken viele Menschen. Aber für viele sind sie zu abstrakt, zu anonym, während die kleinen Messingsteine etwas Persönliches ausstrahlen: Sie bringen die Person nahe, die damals deportiert und ermordet worden ist. Mit den Namen vor den früheren Wohnhäusern wird jeder einzelne ins Gedächtnis zurückgeholt. Jeder Stein ist ein Sieg gegen das Vergessen. Der Name der Gedenkstätte in meiner Geburtsstadt Jerusalem, "Yad VaShem", bedeutet, der Erinnerung einen Namen geben.

Wir hören heute ständig, dass viele Deutsche einen Schlussstrich ziehen wollen. In einer Studie der Universität Bielefeld haben 68 Prozent der Befragten angegeben, sie würden sich darüber ärgern, dass man die Deutschen auch heute noch wegen der Verbrechen an den Juden beschuldigen würde. 62 Prozent erklärten, dass sie es satt hätten, von den Verbrechen der Deutschen an den Juden zu hören. Gleichzeitig schwafeln Politiker von Heimat, vom Bedürfnis nach neuen Patriotismus und von einer deutscher Leitkultur. So können gerade diese Steine dazu beitragen, dass besonders junge Leute über ihre Geschichte stolpern und noch einmal hinschauen – Wer waren die Menschen, die hier wohnten? Warum wurden sie deportiert, und wie kam es dazu? Denn nur wenn man sich der Vergangenheit stellt, kann man die Gegenwart und Zukunft gewinnen. Gleichzeitig sollte jeder von uns sich fragen: Wie würde ich mich heute verhalten, wenn mein Nachbar zum Beispiel plötzlich verschwindet? Der Stein ist ein Beitrag gegen die Gleichgültigkeit und die bürgerliche Kälte, um Theodor W. Adorno zu zitieren. Noch immer spielen die deportierten Sinti und Roma, Euthanasieopfer, Zeugen Jehovas sowie die Homosexuellen eine marginale Rolle in unserer Wahrnehmung. Die Zahl ihrer Gedächtnisorte ist sehr gering. Mit Hilfe der Steine wird also nicht nur an das Schicksal der Juden, sondern auch an das von Sozialdemokraten, Kommunisten und allen anderen Opfergruppen erinnert. Bei den Stolpersteinen geht es darum, dass jeder von uns in dem Deportierten einen Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen wie du und ich sieht.

Der Tod in Auschwitz als Inbegriff der Vernichtung war das Ende. Der Anfang war die Diskriminierung, die Ausgrenzung und der Abtransport. Indem die Steine vor den Wohnungen der Verschleppten eingelassen werden, wird an den Anfang und an das Ende erinnert.

Wir wissen, dass Antisemitismus und antijüdisches Ressentiment auf der Welle der Ablehnung der Politik Israels gegen die Palästinenser reiten. Ich habe keinen Nachholbedarf, was die Ablehnung der israelischen Politik angeht. Mein Mann und ich sind seit vielen Jahren bemüht, in der deutschen Öffentlichkeit für den Gedanken des Ausgleichs zwischen beiden Völkern, wie sich das die Genfer Initiative vornimmt, zu werben.

Worauf kommt es mir also an? Mit der Idee der Stolpersteine wird der ständigen Parallelisierung zwischen dem Völkermord der Nazis und den israelischen Menschenrechtsverletzungen, den Bodenenteignungen und der Siedlungspolitik ein Ende bereitet. Mit den Stolpersteinen wird der inflationistischen Manipulation der Shoah zu Zwecken der Parteinahme entweder für Israel oder für die Palästinenser ein Riegel vorgeschoben. Mit den Stolpersteinen wird vielmehr an die persönliche Verantwortung für die eigene Geschichte appelliert. Ich zitiere noch einmal die Studie von Professor Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld: 68 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt und 51 Prozent behaupten, "was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben".

Vielleicht sollte ich zum Abschluss von meiner persönlichen Erfahrung mit der Verlegung von Stolpersteinen berichten: Meine Mutter stammte aus einem kleinen Ort im Harz – aus Bleicherode. 1933 wollten ihre Freunde mit ihr plötzlich nichts mehr zu tun haben (obwohl es keine Anordnung von oben gab). Mein Großvater wurde noch 1933 nach dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" daran gehindert, weiter in einer christlichen Schule zu unterrichten, und ging in den nächst größeren Ort, nach Erfurt. Von dort wurden meine Großeltern 1943 nach Auschwitz deportiert. Als meine Mutter nach 60 Jahren zum ersten Mal ihren Geburtsort besuchte und eine Freundin sah, sagte diese zu ihr: "Deine Eltern sind doch ausgewandert." "Ja", antwortete meine Mutter, "– nach Auschwitz." Aus diesem Grund möchte ich für meine Großeltern Steine verlegen lassen, damit man weiß, hier haben sie gelebt. Jetzt erhielt ich von der Stadtverwaltung einen Anruf mit der Mitteilung, dass es die Nummer des Hauses, in der meine Großeltern wohnten, nicht mehr gäbe...

Mein Vater stammte aus Gelnhausen (dem ersten "judenfreien" Ort Hessens). Die Stadt Gelnhausen hat sich sehr um die "Aufarbeitung" ihrer Geschichte bemüht – die Synagoge wurde restauriert, 50 ehemalige jüdische Bürger wurden in den achtziger Jahren zur Eröffnung des in ein Kultuszentrum umgewandelten Gebäudes eingeladen, der jüdische Friedhof wurde der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht, und die jüdische Stadtgeschichte wurde intensiv recherchiert. Als ich vor kurzem anfragte, ob man denn nicht für die Deportierten Stolpersteine verlegen könnte, bekam ich als Antwort: "Meinen Sie, die Bevölkerung wäre angesichts des Irakkrieges" – und hier wurde nur Wolfowitz und nicht etwa Bush, Cheney und Rumsfeld genannt – "und angesichts des Hitlerismus in Israel damit einverstanden?"

In München gibt es in breiten Kreisen eine enorme Zustimmung zu den Stolpersteinen. Will die Stadt diese positive Resonanz schlicht ignorieren? Wir können den Stadtrat nur zum Nachdenken bringen, wenn wir viele Menschen erreichen, die das individuelle Gedenken befürworten und unterstützen. Deshalb begrüßen wir auch neue Patenschaften für die Steine. Für mich ist die große Resonanz eine Ermutigung – ein Zeichen dafür, dass ich trotz des wachsenden Rechtsradikalismus, trotz Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Antiziganismus und Islamophobie in diesem Land leben kann.

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