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Stolpersteine in München

Podiumsdiskussion am 11.11.04 - Rede von Al Koppel


München, November 11, 2004

Ich bin beinah 10.000 km von meiner Heimat nach München geflogen um bei der Gedenkfeier am 9. November im alten Rathaus teilzunehmen. Ich wollte gerne 15 Minuten reden als Überlebender und Betroffener des Holocaust und hatte durch einen Münchner Kontakt das Komitee für den 9. November um Erlaubnis gebeten, aber mein Antrag wurde überhaupt nicht mal diskutiert. Außerdem telefonierte ich mit Frau Knobloch (4. Oktober 2004) die mir sagte, die Gedenkfeier ist nur für die Spitze der Stadt und das Programm ist schon gedruckt. Also, die Betroffenen haben keine Erlaubnis etwas zu sagen.

Herr Ude beklagt sich über zu wenige Teilnehmer an Gedenkfeiern für Nazi-Opfer. Er hätte lieber dass 50% der Stolpersteine-Fans, in seinen Worten, zu "Eindruckvollen Kundgebungen" kommen würden. Wenn ich Zyniker wäre, würde ich sagen es ist typisch dass Politiker sich selbst am liebsten bei solchen "Kundgebungen" profilieren, das heißt sich selbst am liebsten sprechen hören und sich selbst auf dem TV Bildschirm im Rampenlicht sehen. Die Nazi Opfer selbst bleiben weiterhin anonym. Die Überlebenden und deren Kinder sind nur als passive Zuschauer erlaubt, das heißt, ausgeschlossen. Außerdem ist die Ausschaltung der Betroffenen, der Überlebenden und Interessierten Menschen nicht der demokratische Weg.

Ich glaube bestimmt ich habe das moralische Recht meine Meinungen zu äußern, denn meine Mutter Karla wurde mit 38 Jahren 1941 ermordet in Kaunas, Litauen, zusammen mit meinen Geschwistern, Günther, 17 Jahre; Hansi, 5 1/2 Jahre; Ruth, 4 Jahre und Judis, 2 Jahre alt. 15 Minuten sollte nicht zu viel Zeit sein meiner Familie zu widmen. <Al Koppel ergänzte im Vortrag, dass er die jüngste Schwester nie kennen gelernt hatte>

Ich bin entsetzt und empört über das negative Votum des Stadtrats über das Verlegen von "Stolpersteinen." Es scheint mir als ob die Stolpersteine Opposition völlig orchestriert war. Erstens, die Sache wurde nur von dem Ältestenrat und Herrn Oberbürgermeister diskutiert, aber nicht in der Öffentlichkeit. Dann haben Herr Ude und Frau Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), beinahe alle die selben Grunde zitiert warum Stolpersteine nicht in München verlegt werden sollen, und jetzt hat Herr Ude die IKG als Mittel benützt, die Stolpersteinaktion schnell am 16. Juni in der Stadtratversammlung abzulehnen. Also sind die 4.500 ermordeten Münchner Juden, sozusagen, nochmals bei Seite geschafft worden. Man muss sich wundern: warum der Druck vom OB auf die Stadträte, warum die Eile, die Hast es zu verweigern und nicht, wie die Grünen vorgeschlagen hatten, es ein bisschen öffentlich mit Bürgern, Betroffenen und Überlebenden zu diskutieren. Die Stadt ist leider über die Stolpersteine gestolpert. Ich wünsche dass Herr Ude ein Staatsmann sein würde, und ich glaube er ist ein Staatsmann, der sagt, das Ergebnis vom 16. Juni dieses Jahres war ungerecht. Das Verweigern der schlichten Messingplatten wird zurückgenommen.

All die Gründe gegen die Stolpersteineaktion sind doch beinah lächerlich, wie zum Beispiel Herr Ude, die Mehrzahl der Stadträte und die IKG gesagt hatten:

"Der Stadtrat will keine Form des Gedenkens, die im Alltag mit Füßen getreten werden, das heißt, die Stolpersteine sollen nicht beschmutzt werden."

Aber ich glaube es ist eher wirklich umgekehrt. Sie meinen dass die Burgersteige nicht mit diesen schlichten Messingplatten beschmutzt werden sollen. Die meisten Überlebenden und Betroffenen wollen Stolpersteine auf den Burgersteigen haben.

Und Herr Ude hat geschrieben:

"Der Stadtrat will grundsätzlich sicherstellen, dass Gedenkstätten im öffentlichen Raum niemanden von den Betroffenen in seinen Gefühlen verletzen. Bei den Stolpersteinen ist definitiv bekannt, dass viele jüdische Menschen sie als unangemessene Würdigung im Straßenschmutz und als herabsetzende Form des Gedenkens empfinden."

Auch dies ist umgekehrt geschildert. Es ist definitiv, dass viele, dass sogar die meisten jüdischen Menschen es als die einzige würdige Gedenkstätte betrachten, wo man stehen bleibt und nachdenken kann an die Opfer, die Eltern und Kinder, die aus ihren Wohnungen herausgerissen wurden und dann ermordet wurden.

Stolpersteine haben einen höheren Wert als die Gedenktafeln im alten und neuem Rathaus, die ganz gut versteckt sind. Außerdem würden die Stolpersteine ein guter aktueller Geschichtsunterricht sein, wo Schüler über das Schicksal der ermordeten Menschen recherchieren können. Ich zitiere hier Dr. Florian Roth:

"... dass beispielweise Schulklassen sich hier mit der Vergangenheit, den vergessenen Opfern aus ihrer Umgebung auseinandersetzen, sozusagen von unten eine lebendige Form der Erinnerung und das Engagement entsteht. Dass Münchnerinnen und Münchner die Namen und Wohnorte der Opfer recherchieren und als "Paten" die Gedenkplatten selber finanzieren ist so beeindruckend an dieser Gedenkform. Menschen würden über diese ungewöhnlichen Zeichen 'stolpern' und zum Nachdenken angeregt."

Und der ehemalige Bundespräsident Professor Dr. Roman Herzog sprach am Gedenktag 19. Januar 1996:

"Ganz besonders wichtig aber ist es, unsere jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick für möglicherweise kommende Gefahren zu schärfen. Wo man Rassismus und Totalitarismus in den Anfangen erkennt. Ich weiß dass unsere Schulen in dieser Frage schon beträchtliches geleistet haben und leisten. Aber es lohnt sich hier noch weiter nachzudenken."

Was ist nun besser als die Stolpersteine, die eine konkrete Darstellung der Schicksale der Juden schildern vor ihren ehemaligen Wohnhäusern auf den Gehwegen.

Zum Beispiel könnten Schüler vom Willhelmsgymnasium, ungefähr 100 Meter von dem Wohnhaus auf der Maximilianstrasse wo wir damals wohnten, auf die Stolpersteine für meine Familie aufpassen und sogar vielleicht Patenschaft aufnehmen.

Ich, als einer der nächsten Betroffenen in dieser Sache, bin ganz entsetzt, dass Stadträte und Herr Ude sagten dass die IKG sich geäußert hat dass für sie Stolpersteine erniedrigend, demütigend und herabsetzend sind. Ich finde das nicht so, genau so wie die meisten Überlebenden und nachfolgenden Generationen und auch die großen Mengen Menschen die gerne die Patenschaft für Stolpersteine übernehmen würden, was ja in so vielen Städten geschehen ist - wie in Frankfurt, Hamburg, Berlin, Nürnberg, Düsseldorf, Köln, und noch viele mehr, große und kleine Städte.

Stolpersteine sind anders als übliche Denkmäler, anders als abstrakte Nummern wie die sechs Millionen umgekommenen Juden, oder die 4.500 Münchner Juden, deportiert und ermordet. Stolpersteine stellen individuelle Schicksale dar, genau wo es passiert war, wo Familien aus ihren Wohnungen entfernt wurden. Das Schreckliche wird nun am Tatort sichtbar. Schüler können hier von aktuellen Geschichten lernen. Leute werden anhalten und zum Nachdenken angeregt werden, über die Schicksale von Kindern, Frauen und Männern. Gespräche werden dann stattfinden; Menschen werden darüber reden, Fragen stellen, Schüler mögen über Familien Schicksale recherchieren. Dem Andenken an die vertriebenen Juden als Individuen mit Würde, wird ein Gesicht gegeben, nicht versteckt hinter Barrikaden und Polizeiwachen am Jakobsplatz, sondern wo sie lebten, wo man stehen bleibt - stolpert - wo es Sinn und Bedeutung hat, wo Menschen zur Arbeit laufen, zum Einkaufen gehen, wo sie zum Theater gehen. Das Unfassbare, das Schreckliche wird nun sichtbar.

Nun lese ich dass Herr Ude als Ersatz folgendes vorgeschlagen hat, und ich zitiere hier:

"Deshalb wird auch am Jakobsplatz an sämtliche Münchner Opfer des Holocaust namentlich erinnert werden."

Und auch Stadtrat Offman, geschrieben in der Süddeutschen Zeitung am 30. Juli:

"Er plädiert für eine große Gedenktafel am Jakobsplatz in die wirklich alle 4.500 Namen jüdischer Opfer eingemeißelt sind."

Ich glaube Frau Knobloch hat auch so etwas vorgeschlagen.

Leider passt das zum Thema "Verstecken" - wie die Tafeln im alten und neuem Rathaus, die Tafel zum Andenken der verbrannten ehemaligen Synagoge Ohel Jakob in der Herzog-Rudolf-Strasse, die so hoch an dem Wohnhaus angemacht ist dass sie niemand sieht.

Und genau so wird es mit einer Tafel am Jakobsplatz gehen. Ich zitiere hier wieder von Zeitungen:

„Diese aufkeimende Gefahr (Terroristen, Neo-Nazis, Rechtsextreme Gruppen) führt auch dazu, dass die Polizei die Baustelle am St. Jakobsplatz wahrend der Bauarbeiten in den kommenden vier Jahren bewachen wird. Es wird einen Standposten wie vor der Synagoge in der Reichenbachstrasse geben, so Polizeisprecher Wenger. Darüber hinaus würden auch noch andere "verdeckte" und „offene Schutzmaßnahmen" getroffen. Mit der Bewachung der insgesamt etwa 30 gefährdeten Einrichtungen in München sind ständig dutzende von Polizeibeamten gebunden. Eine Situation, die sich aufgrund politischer Weltlage in absehbarer Zeit nicht ändern wird.“

So, anstatt in der Öffentlichkeit, wo man über die Schicksale der Menschen im Alltag reden und diskutieren kann, ist so eine Tafel im jüdischen Zentrum auch hinter Polizeischutz "versteckt."

Deswegen sage ich heute, vor allen Anwesenden als Zeugen, dass ich verbiete, dass die Namen meiner Familie auf so eine Tafel gesetzt werden, eine Tafel die ein Ersatz für Stolpersteine sein soll.

Ich zitiere Frau Elisabeth Beck aus München:

"Ich kann nur hoffen, dass eines Tages, und hoffentlich bald, aufgeschlossenere Menschen im Münchner Stadtrat diesen beschämenden Beschluss rückgängig machen."

Das ist auch meine aufrichtige Hoffnung, denn ich kann mir nicht vorstellen dass Münchner Bürger so anders sind als die Bürger in den vielen anderen Städten wo Stolpersteine gelegt sind.

AI Koppel
Fort Collins
Colorado, USA

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