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Stolpersteine in München

Podiumsdiskussion am 11.11.04 - Grußwort von Josef Bierbichler



Auszug aus dem
Grußwort des Schauspielers Josef Bierbichler
an die Veranstalter, das Reiner Bernstein bei der Podiumsdiskussion vorgelesen hat:

Ich möchte kurz erzählen, wie es mir erging, was ich dachte und fühlte, als ich zum ersten Mal auf einen Stolperstein ›stieß‹:

Es war vor etwa zwei Jahren in Hamburg, ich war auf dem Wege vom Dammtorbahnhof zur Wohnung meiner Tochter und ihrer Mutter, und ich hatte von dem ganzen Unternehmen ›Stolpersteine‹ noch nichts gehört. In der Nähe des Abaton-Kinos fiel mir zum ersten Mal einer dieser blinkenden Messingwürfel auf, die in den Bürgersteig eingelassen sind. Ich ging hin und las die Inschrift: die Namen zweier jüdischer Bewohner dieses Hauses, den Tag ihrer Entführung und den Namen des Ortes, wo sie ermordet wurden.

Mein erster Gedanke war ein sachlicher: Eine gute Idee, dachte ich, das auf diese unübliche und unerwartete und deshalb auffällige, also wirkungsvolle Weise zu machen. (So zu reagieren ist normal, wenn man beruflich mit Formen zu tun hat und über sie Kommunikation herstellen will.) Dann sah ich mir für ein paar Momente das Haus an und überlegte einen Augenblick lang, hinter welchem Fenster diese Menschen, deren Namen ich gerade gelesen hatte, wohl gewohnt haben mögen - bis mir die Unmöglichkeit einer schnellen Antwort auf diese Frage bewusst wurde. Also ging ich weiter.

Nach 20 Metern stieß ich auf den nächsten in den Gehweg eingelassenen Messingkörper, und jetzt war meine Reaktion schon eine andere. Da sind aus zwei nebeneinander liegenden Wohnhäusern Menschen verschwunden, dachte ich, das müssen andere, die drin wohnten, doch mitbekommen haben. Aber vielleicht ja auch nicht. Man muss ja nicht alle Mitbewohner einer Wohngemeinschaft kennen. Oft ziehen auch welche um und so weiter. Dann waren es aber, als ich weiterging, noch mindestens zwanzig Stolpersteine mehr in dieser Straße, an denen ich vorbeiging, und meine Fantasie dehnte sich im gleichen Maß. Da ist aus beinahe jedem Haus jemand verschwunden, dachte ich, und die anderen wollen nichts bemerkt haben?

Wie würden die Leute heute mit einem solchen Phänomen umgehen? Wäre es nicht sinnvoll, rechtzeitig über solche Fragen und das damit verbundene eigene Verhalten nachzudenken, als erst dann, wenn es schon so weit ist und man vor Fassungslosigkeit - oder auch Gleichgültigkeit, die immer sein wird - stumm ist, weil die Gedanken ungeordnet kreisen und keine Sprache werden wollen - nicht einmal ein Schrei? Und sind es nicht die unerwarteten Irritationen im Alltäglichen, die am nachhaltigsten zum Nachdenken anregen - solche Stolpersteine zum Beispiel, die unaufdringlich wirken, vor allem jetzt, zwei Jahre später, wo sie das Grau der anderen Steine angenommen haben und nur noch auffallen durch ihre etwas andere Form wegen des anderen Materials, die aber von allen, die sowieso nicht sehen mögen, leicht zu übersehen sind? Also niemand belästigen, der sich belästigt fühlen könnte - oder möchte.

Als ich zu Hause bei meiner Tochter angekommen war und mit ihrer Mutter über das Erlebte und Gedachte sprach, sagte sie mir, dass sie vor einigen Tagen einen Brief von ihrem Wiener Onkel erhalten habe, in dem er ihr mitteilte, dass er über alten Unterlagen, die jetzt erst aufgetaucht seien, erfahren habe, dass sein Großvater, der Ururgroßvater meiner Tochter also, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als in Wien gerade wieder einmal antisemitisches Gedankengut laut wurde, aus Sorge um seine Familie vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert sei.

Manchmal ist alles noch viel näher, als man es sich je gedacht hat.

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