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Stolpersteine in München

Podiumsdiskussion am 11.11.04 - Einführende Worte von Reiner Bernstein



Ein Stein zur Erinnerung

Podiumsdiskussion
auf Einladung des „Initiativkreises Stolpersteine München“
am 11. November 2004
im Spanischen Kulturinstitut Cervantes, München

mit
Dr. Marie-Luise Jahn, Angehörige der „Weißen Rose“, Bad Tölz,
Al Koppel, Überlebender, Fort Collins, Colorado (USA),
Dr. Tilman Spengler, Autor, Ambach,
Hans Dieter Strack, Stadtdekan i.R., München,
Dr. Reiner Bernstein, Moderation, München

Einführende Worte von Reiner Bernstein

Meine Damen und Herren,

in den vergangenen Wochen und Monaten ist viel über die Initiatoren der Stolperstein-Idee in München gesagt und geschrieben worden. Wir haben sehr große Zustimmung erhalten, aber manches Urteil hat uns tief erschreckt. Lassen Sie mich deshalb am Anfang einige Worte darüber sagen, was wir mit dem Projekt verbinden.

Nach dem ablehnenden Beschluss des Rates im Juni haben Bezirksausschüsse, Parteigliederungen ihr Votum abgegeben. Der Bezirksausschuss Maxvorstadt hat eine Ausstellung mit dem Titel „Dem Gedenken Namen und Orte geben: Zum Beispiel Augustenstraße“ organisiert. Gegenwärtig findet eine Ausstellung im Kultur-Forum Bogenhausen zur Erinnerung an Münchner Juden statt „...auf einmal waren sie weg...“ Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit hat dieses Projekt mit einem Dokumentationsband unterstützt. Schülerinnen und Schüler haben im Unterricht zu diesem Thema gearbeitet und auf dem Marienplatz Unterschriften gesammelt. Der Förderverein für die Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau sowie ungezählte Leserbriefe in den Münchner Zeitungen haben Stellung bezogen. Schriftsteller und Künstler haben sich zu Wort gemeldet.

Die „Jüdische Allgemeine Wochenzeitung“ hat über die positiven Erfahrungen in Frankfurt berichtet und zitiert ein Ehepaar mit den Worten: „Das geht einem noch näher, wenn man sich mit dem Schicksal der jüdischen Nachbarn aus der eigenen Straße beschäftigt.“ Das Ehepaar habe daraus die Schlussfolgerung gezogen, mit den Überlebenden Kontakt aufzunehmen.

Die „Frankfurter Allgemeine“ schrieb über die Kontroversen in unserer Stadt am 7. Juli: „Die ›Stolpersteine‹ (...) wollen gerade zu allem Ritualisierten und Institutionalisierten eben das empathisch-sinnliche Gegenmodell einer jüngeren Generation bilden, die ihren eigenen, direkter inszenierten Zugang zur Geschichte sucht. Zeitzeugen, die das, was an Schrecken und Terror und Vernichtung gewesen ist, noch authentisch erzählerisch bezeugen können, sterben ja langsam, aber sicher aus. In diesem Authentizitätsvakuum kommt der Bespielung der wahren Orte eine erhöhte Bedeutungs- und Wirkungsmacht zu: Die Aura der Bürgersteige vor den Haustüren der ehemals Deportierten ergibt sozusagen mit einem diesbezüglichen ›Stolperstein‹ eine Mikrogedenkstätte mitten im Alltag.“

Auch am Rande der Gedenkveranstaltung am 9. November im Münchner Alten Rathaus hat es Diskussionen zu den Stolpersteinen gegeben. Ich vermute, dass einige unter Ihnen dabei waren und dass Ihnen besonders die Verlesung der Namen jener 316 jüdischen Kinder und Jugendlichen in eindrücklicher Erinnerung bleiben wird, die während des Zweiten Weltkrieges aus München deportiert und ermordet wurden. Aus den Ansprachen von Oberbürgermeister Christian Ude, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch und des früheren Rektors der Ludwig-Maximilians-Universität, Professor Andreas Heldrich, klang die Sorge vor dem Verblassen der Erinnerung an das deutsche Terror- und Mordregime durch.

Machen wir uns nichts vor: Die Gefahren erstarkender antidemokratischer Entwicklungen lassen sich längst nicht mehr allein in die sogenannte neonazistische Ecke abdrängen. Sie sind vielmehr längst in die Mitte unserer Gesellschaft gewandert. Wenn es noch des Beweises bedurft hätte, dann ist er durch die Stimmergebnisse bei der Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten am 10. November in Dresden erbracht worden. Dagegen reichen Appelle an die Regierenden, an Parlamente, Schulen und Einrichtungen der Jugend- und Erwachsenenbildung nicht aus. Was aber tun, um in einer Epoche der historischen Nivellierung die Erinnerung wach zu halten? Nichts anderes waren und sind unsere Überlegungen und Vorschläge: Anstöße zu geben, wie und wo wir dem Appell „Wehret den Anfängen“ in einer unaufdringlichen und alltäglichen Weise Präsenz und Gewicht verschaffen können. Nur wenn Öffentlichkeit hergestellt ist, werden Menschen ermutigt, die Geschichte im sozialen Nahbereich zu beschäftigen. Das Geheimnis des Erinnerns ist die Nähe.

Handelt es sich bei den Stolpersteinen tatsächlich um eine „herabwürdigende Ehrung“? Der amerikanische Historiker Gavriel Rosenfeld hat in einem Buch über die „Strategien des Vergessens“ beklagt, dass die beiden Tafeln zum Gedenken an die jüdischen Deportierten im Rathaus unter einer Treppe im ersten Stockwerk und in einem verschlossenen Raum angebracht sind. Es kann doch nichts Besseres geschehen, als wenn sehr viele Menschen mit Hilfe der Stolpersteine an ein ehrendes Gedenken nicht nur an die Juden, sondern auch an Sozialdemokraten und Kommunisten, an Sinti und Roma, an Homosexuelle und an die Opfer der sogenannten Euthanasie herangeführt werden und sogar für einen Stein die Patenschaft übernehmen.

Wir haben uns vorgenommen: Solange der ablehnende Beschluss des Rates der Stadt nicht aufgehoben ist, sollen in einem öffentlich zugänglichen Raum die Stolpersteine präsent gehalten werden. Mitglieder des Initiativkreises sind mit Institutionen in München im Gespräch, damit in diesem Raum ein lebendiger Austausch über Gegenwart und Zukunft unserer Demokratie stattfinden kann.

Wir maßen uns keine Entscheidung über die Verlegung von Stolpersteinen an und sind nicht beratungsresistent. Wir respektieren den Beschluss im Rathaus, und wir respektieren die Einwände des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde. Aber gerade in der Erinnerungsarbeit darf sich der vielbeschworene Konsens der Demokraten nicht darin erschöpfen, dem Votum repräsentativer Organe und Körperschaften nachzukommen. Jeder einzelne von uns ist herausgefordert. Für weiterführende Anregungen und Vermittlungen sind wir dankbar, und „im Gegenzug“ können wir Hinweise geben und beraten.

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