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Stolpersteine in München

Briefwechsel Hess - Ude vom August/Oktober 2004


Peter Hess
20148 Hamburg

den 2. 8. 2004

Betr.: Projekt „Stolpersteine
Ihr Zeichen: D-HA II 452/St-03/2

Sehr geehrter Herr Ude,

mit meinem Schreiben vom 2. März 2003 habe ich Ihnen das Projekt „Stolpersteine“ erstmalig vorgestellt. Leider erhielt ich am 23. Juli 2003 die schriftliche Ablehnung durch den Ältestenrat. Weder der Künstler Gunter Demnig noch ich hatten Gelegenheit, das Projekt persönlich vorzustellen, und so konnte auch kein Austausch der Argumente und Meinungen stattfinden. Ich würde es sehr begrüßen, wenn dieses Versäumnis nachgeholt werden könnte, denn es wäre doch vorstellbar, dass dadurch bestehende Missverständnisse aus dem Weg geräumt und die stets wiederholten Argumente entkräftet oder sogar widerlegt würden.

Durch die Aktion „Stolpersteine“ ergibt sich keinesfalls eine „Inflationierung“ der Gedenkstätten; es handelt sich hierbei vielmehr um eine hervorragende Ergänzung und Unterstützung Ihrer lobenswerten Veranstaltungen, Einrichtungen und Gedenkstätten gegen das Vergessen. Inzwischen liegen in 34 Städten mehr als 3.800 Stolpersteine. Jeder einzelne Stein gibt fortlaufend Anlass zu Dialogen und berührt die Menschen in der Art und Weise, die sie für angemessen halten und wirkt tiefer als alle zentralen Gedenkstätten.

Leider ist es nicht gelungen, Ihnen die Gefühle dieser Menschen zu vermitteln, denn sonst wäre kaum veranlasst worden, die Gedenksteine der Familie Jordan zu entfernen und auf den Jüdischen Friedhof zu verbauen.

Abgesehen davon, dass die Gefühle der Familie Jordan verletzt wurden, ergibt sich durch die Verlegung der Steine auf dem Friedhof eine makabre Satire, denn jeder Stein trägt die Inschrift „HIER WOHNTE....“ Ich bitte Sie höflich diesem Zustand ein Ende zu setzen und Herrn Jordan die Steine zu seiner weiteren Verfügung zu überlassen.

Des Weiteren möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich mehr und mehr Anfragen von Menschen erhalte, die eine Stolperstein-Patenschaft übernehmen möchten für Homosexuelle, SPD- und KPD-Mitglieder, Widerstandskämpfer und Euthanasie-Opfer, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden.

Uns ist nicht bekannt, dass gegen das Vergessen der genannten Opfergruppen schon genug in München getan worden wäre, und so bitte ich Sie um die Zustimmung für die Verlegung von Stolpersteinen für diese Verfolgten und Ermordeten, denn bekanntlich ist die Aktion ja für alle Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Ich würde mich sehr freuen, eine positive Nachricht von Ihnen zu bekommen.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Hess



1. Antwort:

Landeshauptstadt
München
Oberbürgermeister
Büro

Datum 12.08.2004

Ihr Schreiben vom 02.08.2004
Projekt „Stolpersteine"
Unser Zeichen: D-HA II 452/St-03/2

Sehr geehrter Herr Hess,

vielen Dank für Ihr o.g. Schreiben.

Herr Oberbürgermeister Ude konnte dieses aufgrund der Sommerpause leider nicht persönlich beantworten.

Dies möchte er nach seiner Rückkehr aus dem Sommerurlaub im September jedoch ausführlich nachholen.

Ich bitte Sie daher höflichst noch um etwas Geduld.

Mit freundlichen Grüßen

I.A.
Gordena Sommer


2. Antwort:

Landeshauptstadt
München
Oberbürgermeister
Christian Ude

06.10.2004

Projekt „Stolpersteine“

Sehr geehrter Herr Hess,

mit Zwischenbescheid vom 12. August 2004 war Ihnen bereits mitgeteilt worden, dass ich erst im Herbst zu einer neuerlichen Erörterung des Projektes „Stolpersteine" und im Anschluss daran zu einer Beantwortung Ihres Briefes komme.

Die Gefühle von Menschen, die durch „Stolpersteine" zum Nachdenken, zum Gedenken zum Austausch von Erinnerungen oder zur Diskussion über den nationalsozialistischen Unrechtsstaat veranlasst werden, sind mir sehr wohl bekannt. Ich habe auch nie bestritten, dass die Stolpersteine entsprechend positive Reaktionen im Sinne Ihrer Initiatoren hervorrufen können.

Umgekehrt bitte ich aber Sie, endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass eine Vielzahl von betroffenen Menschen die Verlegung von Stolpersteinen im Straßenschmutz nicht als Ehrung oder würdige Form des Gedenkens empfindet, sondern als Herabsetzung und Entwürdigung. Selbstverständlich ist diese Betrachtungsweise nicht zwingend, sie wird auch in der Israelitischen Kultusgemeinde nicht von sämtlichen Mitgliedern geteilt. Aber wenn man nur mit einem Mindestmaß an Respekt und Takt an diese Frage herangeht, müsste doch schon diese häufige Reaktion ausreichen, um andere, nichtkontroverse Formen des Gedenkens zu finden. Leider ist den Initiatoren auch nach häufigem Briefwechsel diese Frage völlig gleichgültig. Nicht erwünschte Gefühle werden einfach vom Tisch gewischt oder bestritten.

In München ist die Situation noch zugespitzter: Die Israelitische Kultusgemeinde lehnt Stolpersteine dezidiert ab. Die Schutzbehauptung von Stolperstein-lnitiatoren, diese Meinung von Repräsentanten des Münchner Judentums sei nur eine vernachlässigungswerte Einzelmeinung, ist mittlerweile klar widerlegt: Die beiden profiliertesten Kritiker des Stolperstein-Projektes, Charlotte Knobloch, und der CSU-Stadtrat Marian Offman, wurden in der Zwischenzeit als Präsidentin wiedergewählt bzw. erstmals zum Vizepräsidenten gewählt. Es ist mir schlicht unbegreiflich, wie eine Initiative, die eigentlich der Opfer des Holocaust gedenken möchte, sich über das Votum der demokratisch gewählten Vertretung des Münchner Judentums hinweg setzen will und von der Stadt München allen Ernstes ein Vorgehen verlangt, das von der Israelitischen Kultusgemeinde als Herabsetzung von Holocaust-Opfern empfunden und bezeichnet wird. So viel zu den bisherigen Vorstößen, die Beschlusslage gegen das IKG-Votum umzuwerfen.

In Ihrem Brief schlagen Sie nun vor, nur den nichtjüdischen Opfern des Holocaust Stolpersteine zu setzen. Sie können davon ausgehen, dass es mir und der Stadt München ein großes Anliegen ist, auch der nichtjüdischen Opfer zu gedenken. Ich habe mich deshalb für das Denkmal auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus eingesetzt, das an die ermordeten Sinti und Roma erinnert, mehrmals im Jahr nehme ich an Gedenkveranstaltungen für NS-Opfer der Arbeiterbewegung teil. Zusammen mit der schwul-lesbischen Szene arbeitet die Stadt an Projekten zur Aufklärung und Dokumentation von NS-Verbrechen an Homosexuellen.

Es kann aber doch nicht angehen, dass nach der Ablehnung des Projektes durch die IKG München plötzlich der nichtjüdischen NS-Opfer in augenfälligerer Weise als der jüdischen Opfer gedacht wird. Ihr Vorschlag würde aber genau auf dieses Ergebnis hinauslaufen,

Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich deshalb Ihrem Vorschlag nicht nähertreten kann.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Ude

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