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Stolpersteine in München

Stolpersteine in München



Am 16. Juni 2004 fasste der Rat der Stadt München einen Beschluss gegen die Verlegung von Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig zur Erinnerung an die Ermordeten des Naziregimes. Zur Begründung hieß es, es könne nicht angehen, dass öffentlicher Raum ohne kommunale Genehmigung genutzt werde. Die zwei bereits verlegte Stolpersteine im Gedenken an Siegfried und Paula Jordan wurden von Mitarbeitern des Baureferates aus einem Bürgersteig herausgerissen.

Nach einer Anzeige in der „Süddeutschen Zeitung“ am 23. Juni, in der zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Unverständnis und Fassungslosigkeit äußerten, ging in den Münchner Tageszeitungen eine ungewöhnlich große Zahl Leserbriefe ein, in denen zum Ausdruck gebracht wurden. Am 26. Juli fand in der Aula des Luisengymnasiums eine Informations- und Diskussionsveranstaltung statt. Die Fraktionen des Rates der Stadt lehnten die Mitwirkung mit der Begründung ab, dass die Auswahl der eingeladenen Redner politische Parteilichkeit vermuten lasse. Lediglich das Ratsmitglied der PDS, Frau Wolf, war erschienen.

Als Mitglied des Initiativkreises „Stolpersteine in München“ war ich zu einer Stellungnahme eingeladen, die im folgenden dokumentiert wird.

Reiner Bernstein

Seien Sie von mir herzlich gegrüßt. Unsere Anzeige in der Süddeutschen Zeitung am 23. Juni hat sehr großen Zuspruch ausgelöst. Deshalb will ich mich an dieser Stelle bei Ihnen, die Sie uns geschrieben, uns angerufen und uns finanziell geholfen haben, bestens bedanken. Ohne den Einsatz und des Engagements der Schülerinnen dieses Luisengymnasiums stünden wir jetzt nicht hier; sie haben Unterschriften für die Verlegung von Stolpersteinen gesammelt, sie haben auf dem Marienplatz Mahnwachen abgehalten, und sie haben mit Mitgliedern des Rates der Stadt gesprochen, um ihr Anliegen zu erklären. Mein Gruß gilt aber gleichermaßen auch denen, die zu anderen Ergebnissen als wir gekommen sind. Die breite Resonanz hat viele positiv überrascht, andere scheint sie erschreckt zu haben.

Wir sind hier, um nach all den Aufregungen der letzten Zeit einen neuen Anlauf zu wagen. Aus dem Kreis der Initiatoren bin ich gebeten worden, Ihnen die Idee der Verlegung von Stolpersteinen noch einmal zu begründen. Wir sind ein informeller Kreis von Münchnerinnen und Münchnern, die alle Interessierten zur weiteren Mitarbeit einladen möchten. Ich will meine Zeit nicht dazu nutzen, die Konfrontation der letzten Wochen fortzusetzen, dies würde keinen Sinn machen. Nur eine kurze Bemerkung sei mir gestattet: Wie auch immer der Beschluss des Rates der Stadt München vom 16. Juni beurteilt werden mag – und unsere Auffassung dazu ist bekannt: Wir hätten uns sehr gewünscht, dass die Stadtspitze nach der Entfernung der zwei Stolpersteine, die der Bildhauer Gunter Demnig vor dem Haus Mauerkircherstraße 13 verlegte, den Sohn und die Nichte des deportierten Ehepaares Siegfried und Paula Jordan, nämlich Peter Jordan und Ursula Gebhardt, über die Gründe informiert hätte.

Die Verpflichtung zum Gedenken gilt allen Opfergruppen. Noch immer spielen die deportierten Sinti und Roma, die Menschen, die der sogenannten Euthanasie überstellt wurden, die Zeugen Jehovas sowie die Schwulen eine marginale Rolle in unserer Wahrnehmung. Die Einsamkeit dieser Opfer ist ungebrochen; die Zahl ihrer Gedächtnisorte tendiert gegen Null.

Als Initiatoren der Idee der Stolpersteine sprechen wir niemand den guten Willen und das Recht ab, nach bestem Wissen und Gewissen eine begründete Meinung zu vertreten und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. In unserer Gesellschaft gibt es differenzierte Interessen, deren Wertigkeit und deren Relevanz wir unterschiedlich beurteilen mögen, deren Anliegen wir aber respektieren. Aber auch wir dürfen erwarten, ernst genommen zu werden.

Seit 1945 bedurfte es der Anstrengungen aller Menschen und Regierungen im Bund und in den Ländern, die Demokratie auf breite Füße zu stellen. Dies war nur möglich, weil alle bei der Aufarbeitung unserer Geschichte gefordert waren und ihren Beitrag im Rahmen des ihnen Möglichen leisteten. Dieses umfassende Bemühen folgte aus der Erkenntnis, dass sehr viele Deutsche in der einen oder anderen Weise als überzeugte Parteigänger im System des Nationalsozialismus verschränkt waren – um das Mindeste zu sagen –, so dass die alleinige Auseinandersetzung mit der NSDAP und ihren Gliederungen sowie mit dem Staatsapparat der inszenierten Dialektik des „Dritten Reiches“ nicht gerecht geworden wäre. Es lag in seinem Interesse, möglichst alle Deutsche in die Verbrechen zu verwickeln, und allzu viele Male ist dies auch gelungen.

Anders ausgedrückt: Beim Gedenken an die Opfer hat es zu Recht kein imperatives Mandat für diejenigen gegeben, die politische Verantwortung tragen; die Tiefenschichten der menschlichen Psyche wären unerreichbar geblieben. Auch wer hier das Argument der repräsentativen Demokratie beigezogen hätte, hätte die logische Konsequenz in Kauf nehmen müssen, dass der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz – der 27. Januar – und andere Veranstaltungen wie zur öffentlichen Bücherverbrennung und zum 9. November 1938 ohne die Beteiligung der Öffentlichkeit begangen worden wären. Niemand konnte dies wünschen.

Daraus folgt: Nach all den gescheiterten Versuchen seit dem Frühjahr 2003, mit der Stadt in einen Dialog einzutreten, fordern wir noch einmal zu einer politisch offenen Diskussion über die Stolpersteine auf – ich betone „offen“, und das bedeutet, dass am Ende auch ein Beschluss gegen ihre Verlegung stehen könnte. Aber klar ist, dass die Stadt nicht vorab über die Substanz solcher Zeichen an Gedächtnisorten entscheiden kann. Vielmehr muss sie zunächst für die Rahmenbedingungen des Diskurses sorgen, bevor ihr die politische Entscheidung zufällt. Die Legitimität des öffentlichen Handelns kommt ohne die Loyalität der Bürgerinnen und Bürger nicht aus.

Vor einer Woche haben das „American Jewish Committee“ und die Heinrich Böll-Stiftung in einem gemeinsamen Papier vor einer zunehmenden Akzeptanz des Antisemitismus gewarnt und die demokratischen Parteien aufgerufen, die antisemitischen Vorfälle deutlich zu verurteilen. Die Einschätzung über die Verbreitung des Antisemitismus ist nicht neu, auch die Aufforderungen an die Institutionen des Staates, ihnen entgegenzutreten, gehören zum üblichen Repertoire der Mahnung, deren Wirkung beschränkt ist.

Die Diskussionen darüber, ob ein Holocaust-Denkmal und ein NS-Dokumentationszentrum per se pädagogische Effekte entfalten, sind geteilt. Eindeutig scheint hingegen zu sein, welch aufklärerische Reflexe der Besuch in einer KZ-Gedenkstätte auslösen kann. Vor wenigen Tagen bin ich mit Gästen aus Israel in Dachau gewesen. Meine Freunde waren beeindruckt, mit welchem Ernst Jugendliche und Erwachsene durch die Ausstellungsräume gingen. Wir sollten uns deshalb mit Nachdruck einen Kommentar zurückweisen, der die Mahnwachen der Schülerinnen dieses Gymnasiums als „Lust am Regelverstoß einer Schulklasse“ verunglimpfen wollte. Wenn eine solche Abwertung Schule macht, sollten wir uns Schule ersparen, denn diese ist aufgefordert, Anstöße zum selbständigen und kritischen Denken zu vermitteln. Meinungsgehorsam ist das Ende der Demokratie. Nur eine in ihrem Geiste erzogene Jugend verbürgt Verlässlichkeit in eine politisch sichere Zukunft.

Das Geheimnis des Gedenkens ist die Nähe, die eindrückliche Empathie, der sich ein Mensch in der Begegnung mit dem anderen willentlich aussetzt, wenn er zu ahnen beginnt, dass er selbst unter bestimmten Bedingungen von Zeit, Ort und Raum lebensbedrohlich gefährdet sein könnte. Martin Buber hat diese Begegnung das dialogische Prinzip genannt, womit er darauf vertrauen wollte, dass die Menschen aus den Jahren 1933 bis 1945 Lehren ziehen – aus einer Katastrophe, die als negative Symbiose bezeichnet worden ist und bis heute nachwirkt. Von Martin Niemöller ist der Satz überliefert, dass ich das letzte Opfer des Totalitarismus sein werde, wenn ich die früheren Opfer mit Schweigen übergehe. Die Gedenkstätte „YadvaShem“ in Jerusalem meint zu Deutsch „der Erinnerung einen Namen geben“, nachdem Menschen von Subjekten der Geschichte zu schieren Objekten der degradiert wurden.

Lassen Sie uns diese Zusammenhänge im Blick behalten. Bei den Stolpersteinen geht es darum, dass jeder von uns die Gelegenheit erhält und sie nutzt, in dem Deportierten, dessen Schicksal sich symbolhaft in einem Stolperstein widerspiegelt, ein lebendiges Antlitz zu erkennen, einen Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen wie du und ich. Ich würde mir wünschen, dass wir nach der Klage der beiden Mitscherlichs über die deutsche Unfähigkeit zu trauern siebenunddreißig Jahre später weiter wären.

Die Empathie für die Opfer mindert nicht die Bedeutung der staatlichen Erinnerungskultur in Gestalt eines Stadtmuseums, eines Stadtarchivs und eines künftigen NS-Dokumentationszentrums. Gleiches gilt für die Gedenktafeln auf Plätzen und an Gebäuden, auf denen nachzulesen ist, dass von hier aus diese oder jene Gliederung des NS-Regimes tätig war. Ernst Piper, Mitautor der Münchner Stadtgeschichte, hat mir vor wenigen Tagen in Berlin noch einmal bestätigt, wie gründlich die Erlasse des NS-Regimes in München umgesetzt worden sind.

Die zumindest unterschwellig vermittelte Behauptung, die Stolpersteine würden auf eine Inflationierung der Gedenkstätten hinauslaufen, zielt daneben. Denn zwischen öffentlichem Gedenken und privater Erinnerung steht das Antlitz des Individuums. In einer veränderten Welt sind neue Formen der persönlichen Erinnerung unverzichtbar; jede Lehrerin und jeder Lehrer hat mit dem Problem der Verdrängung der „jüngsten Vergangenheit“ zu tun, die sich aus der Unfähigkeit speist, die Anonymität des Opferkollektivs zu durchbrechen. Die Zahl von Millionen Toten hinterlässt eher Ratlosigkeit, wenn sie nicht sogar Abwehr auslöst.

Gerade durch ihre Schlichtheit sind die Stolpersteine ein beeindruckendes künstlerisches Gegenangebot zur staatlichen Erinnerungskultur, das nicht zuletzt wegen des aktuellen Antisemitismus und des Ressentiments gegen Menschen, deren Lebensstile und deren Überzeugungen uns unverdaulich erscheinen, besonders ins Auge fällt. Mit den Stolpersteinen wird unser geschichtliches Denken neu besetzt: Nicht der Tod in Auschwitz bildet den Anfang, sondern die Diskriminierung, die Enteignung, die Ausgrenzung und die Deportation.

Ich gehe soweit zu behaupten: Wer wie wir das künftige Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde am Jakobsplatz aus vollem Herzen begrüßt, wird auch die Stolpersteine befürworten. Beide Formen gehören zusammen, die Erinnerung an die Toten und Umkehr aus politischem und menschlichem Versagen. Gershom Scholem hat nicht nur die bekannte These vom Mythos des deutsch-jüdischen Gesprächs formuliert, sondern auch seine Hoffnung auf die „Restitution des uns Gemeinsamen" zum Ausdruck gebracht. An dieser Herausforderung aus den siebziger Jahren hat sich leider wenig geändert.

Wir sind bereit, den Beweis anzutreten, dass die Zahl der Bürgerinnen und Bürger Münchens, die für einen Stolperstein die persönliche Patenschaft übernehmen wollen, die Zahl der deportierten 4500 Menschen übersteigt. Die Befürchtung, es werde im Gedenken an die Opfer zu einer zufälligen Auswahl kommen, teilen wir ganz und gar nicht. Überzeugend hat der Hamburger Peter Hess, der den Künstler Gunter Demnig vertritt, darauf hingewiesen, dass die Stolpersteine eine direkte Form der Erinnerung sind, auf die Passanten zufällig stoßen und innehalten, ohne sich für den Besuch einer Gedenkstätte entscheiden zu müssen. Auch in München werden sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Möglicherweise führt das Erlebnis der zehn mal zehn Zentimeter großen Namensplatten aus Messing sogar dazu, die zeitgeschichtlichen Kontexte, in denen die Opfer standen und unter denen sie litten, in Gedenkstätten näher kennenlernen zu wollen.

Deshalb lautet mein Appell, von den hohen Rössern der Konfrontation herunterzusteigen und in ein Gespräch miteinander einzutreten, in dem wir zu gemeinsam getragenen Lösungen kommen. In Köln, wo ich mich ein wenig auskenne, hat der Prozess drei Jahre gedauert, weil der Kunstbeirat, der Kulturausschuss und viele Dezernate der Stadt sowie die Bezirksverwaltungen eingeschaltet waren. Eine so lange Zeitspanne muss in München nicht wiederholt werden, und doch belegt das Verfahren Wege zur Meinungsbildung und zu Ergebnissen – in Bürgerversammlungen, in Veranstaltungen der Bezirksausschüsse, bei Diskussionen von Hausgemeinschaften, bei ortsnahen Ausstellungen und Lesungen. Als Initiatoren maßen wir uns kein zentrales Amt des Gedenkens an. Was wir anbieten können, ist die Ermutigung zur Vielfalt und zur Eigenständigkeit des persönlichen Handelns.

Solange der Prozess der Entscheidungsfindung nicht abgeschlossen ist, wird es keine weiteren Stolpersteine in München geben. Doch davon wird weder die in Gang befindliche Erinnerungsarbeit in Bogenhausen tangiert, noch ist die Übernahme weiterer Patenschaften durch Sie ausgeschlossen, und vielleicht findet sich sogar ein öffentlicher Raum, in dem die Stolpersteine wie ein Berg zusammenwachsen können, bevor sie an den Orten des damaligen Geschehens eingelassen werden. Die Deportierten und Ermordeten haben uns das Vermächtnis hinterlassen, für eine Zukunft der Verantwortung aus dem Reservoir der geschichtlichen Erinnerung zu sorgen.

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