Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          


     Brief des OB Ude an die Kritiker des Stadtrats-Beschlusses, Dez.2003

Stolpersteine

Sehr geehrte Frau....

sehr geehrter Herr...,

zu dem Thema „Stolpersteine" haben mich vor allem aufgrund der Berichte in der Süddeutschen Zeitung vom 05.11 2003 und vom 12.12.2003 so viele Schreiben erreicht, dass ich leider ausnahmsweise nicht auf jeden Brief individuell reagieren kann, sondern um Verständnis für eine einheitliche Beantwortung bitten muss.

Zunächst darf ich feststellen, dass das Thema Erinnerungsarbeit für die Landeshauptstadt München und für mich persönlich in den letzten 10 Amtsjahren außerordentlich wichtig war. Es ist selbstverständlich, dass sich München seiner historischen Verantwortung als ehemalige „Hauptstadt der Bewegung" stellen muss, nichts verdrängen oder verharmlosen oder entschuldigen darf und für die erforderlichen Konsequenzen aus den geschichtlichen Erfahrungen sorgen muss.

Aus diesen Beweggründen heraus haben wir 1995 eine Gedenkstätte für die im Dritten Reich ermordeten Sinti und Roma geschaffen und im Jahr 2000 mit einer Gedenkstätte im Alten Rathaus an die Opfer der Reichspogromnacht sowie im Neuen Rathaus mit einem großen Kunstwerk und Mahnmal an die 1941 nach Kaunas deportierten und dort ermordeten Münchner Juden erinnert. Im Alten Rathaussaal hatte bekanntlich die Reichspogromnacht bei einer Feier „Alter Kämpfer' mit einer Rede von Josef Goebbels ihren Ausgang genommen. Die Gedenkstätte für die nach Kaunas deportierten Juden bringt nicht nur Trauer und Entsetzen zum Ausdruck, sondern ausdrücklich namens der Bürgerschaft auch „Entsetzen über das Schweigen der Mitwissenden". 1997 setzte sich die Stadt trotz heftiger Anfeindungen mittels der sogenannten Wehrmachtsausstellung kritisch mit den Verbrechen der Wehrmacht auseinander. Zur Abwehr rechtsextremistischer Aktivitäten, wie sie vor allem anlässlich der Wehrmachtsaustellung geschahen, rief ich 1998 zur Gründung des „Münchner Bündnis für Toleranz, Demokratie und Rechtsstaat" auf, das mit unzähligen Veranstaltungen rechtsextremistischen Brandstiftern eine Absage erteilte und Versuche der Neonazi-Szene, in München Fuß zu fassen, scheitern ließ. Seit dem vergangenem Jahr setzt sich eine Dauerausstellung im Stadtmuseum kritisch mit der Entwicklung des Nationalsozialismus in München auseinander. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Rechtsblindheit der Bayerischen Justiz in den Zwanziger-Jahren, die Gewalttätigkeit der NS-Bewegung, die Verbrechen des Regimes und die verheerenden Auswirkungen auf die Stadt in der Ausstellung optisch stark und pädagogisch eindringlich hervorgehoben werden.

Vor allem aber haben wir im vergangenen Jahr aus historischer Verantwortung den Grundstein gelegt für ein Jüdisches Zentrum im Herzen der Stadt mit Synagoge, Gemeindezentrum, Kindergarten, Schule und koscherem Restaurant sowie städtischem Jüdischen Museum. Die Stadt hat dafür den Grund und Boden zur Verfügung gestellt und die Anschubfinanzierung ermöglicht. Dies ist das größte Jüdische Projekt, das derzeit in Europa realisiert wird.

Diese Hinweise erscheinen mir erforderlich, da viele Verfasser von Briefen offenbar den Eindruck haben, die Ablehnung des Projekts „Stolpersteine" deute auf ein mangelndes Interesse an der Erinnerungsarbeit oder gar auf die Absicht einer Verdrängung der NS-Geschichte Münchens hin.

Die Ablehnung des Projekts „Stolpersteine“ hat viele Gründe, die in den Medien zu einem Großteil überhaupt nicht dargestellt wurden oder auch für eine öffentliche Erörterung wenig geeignet sind.

Da ist zunächst die Frage, ob eine Inflationierung der Gedenkstätten tatsächlich zu einer Ausweitung oder Intensivierung der Erinnerungsarbeit führt. Ich habe wie alle Mitglieder des Altestenrats des Münchner Stadtrats daran erhebliche Zweifel. Schon heute nehmen an den Gedenkfeiern am Platz der Opfer des Nationalsozialismus, im Konzentrationslager Dachau, auf den Jüdischen Friedhöfen oder den städtischen Gedenkstätten nur beschämend wenige Menschen teil (waren nur halb so viele dabei, wie sich brieflich für die „Stolpersteine" ausgesprochen haben, könnte man von eindrucksvollen Kundgebungen sprechen) Gedenkstätten, die nicht mehr als solche wahrgenommen werden, dokumentieren eher die Vernachlässigung des Themas, das sie eigentlich hervorheben sollen.

Dann das Problem der Auswahl: In mittelgroßen Städten mag es durchaus möglich sein, der 100 bis 200 jüdischen Opfer des NS-Terrors mit Stolpersteinen zu gedenken. München hat es mit 4500 jüdischen Opfern zu tun, derer wir mit einer großangelegten Buchaktion individuell gedenken. Die Namen, die Biographien, die Wohnorte, sind also bekannt. Wer trifft die Auswahl - und nach welchen Kriterien - welche Persönlichkeiten eines Hinweises im Straßenbild würdig sind? Die Hinterbliebenen? Dann bleiben völlig ausgelöschte Familien unerwähnt. Oder soll ein Proporz der Stadtteile, der Generationen, der Berufssparten beachtet werden? Oder nur der Zufall entscheiden? Mit der Folge, dass sich München In endlosen Streitigkeiten vorwerfen lassen muss, welcher Personen immer noch nicht gedacht wird? Dass sich Sponsoren für 4500 Stolpersteine finden lassen, glaubt niemand. Wäre eine kleine Zahl von Stolpersteinen nicht eine schreckliche Verharmlosung des wahren Ausmaßes der Judenmorde in München?

Schließlich die Idee, die Namen der Opfer in den Fußboden einzulassen. Diese Frage hat in München - anders als in anderen Städten - eine doppelte Vorgeschichte:

Well die Hausbesitzerin sich weigerte, eine Gedenktafel an der Fassade anzubringen, wird des ersten Ministerpräsidenten Bayerns, des Juden Kurt Eisner, am Ort seiner Ermordung nur mit einer ins Trottoir eingelassenen Tafel gedacht. Dies führte jahrelang zu Kritik aus dem In- und Ausland mit dem Vorwurf, die Monarchen würden in den Denkmälern aufs Pferd gehoben, ein jüdischer Demokrat aber so erniedrigt, dass jeder das Gedenken mit Füßen treten kann.

Als ich vor einigen Jahren die Initiative des Münchner Rechtsanwalts Gritschneder aufgriff, für die Polizisten, die den nationalsozialistischen Marsch auf die Feldherrnhalle gestoppt hatten und dies mit dem Leben bezahlen mussten, eine Gedenktafel an der Feldherrnhalle anzubringen, weigerte sich der Freistaat Bayern als Eigentümer der Halle, diese Tafel zu gestatten. Sie wurde daraufhin vor der Feldherrnhalle in den Boden gelassen, was abermals zu dem öffentlichen Vorwurf führte, Opfer und Gegner der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft würden nur in einer im Wortsinn erniedrigenden Weise gewürdigt.

Dem SZ-Bericht vom 12.12.2003 über die Münchner Aktivitäten zur individuellen Erinnerung an alle jüdischen Nazi-Opfer können Sie entnehmen, wie der Vorschlag, Opfernamen in den Gehsteig einzulassen, bei den Repräsentanten der Israelitischen Kultusgemeinde aufgenommen worden ist. Ich finde es höchst befremdlich, dass der Stadt München in ebenso ahnungslosen wie unduldsamen Briefen abverlangt wird, zusätzlich zu allen bisherigen Gedenkstätten auch noch eine Form des Gedenkens zu wählen, die von den Betroffenen als abscheulich, entsetzlich und unerträglich empfunden wird. Den in einigen Briefen erhobenen Vorwurf, die Stadt München „kusche vor Ewiggestrigen“ oder „schrecke vor Rechtsradikalen zurück', muss ich jedenfalls mit allem Nachdruck zurückweisen.

Diese Ausführungen bedeuten aber nicht, dass die Stadt München mit dem bisherigen Stand der Erinnerungsarbeit zufrieden wäre. Der Stadtrat hat erst im vergangenem Jahr neben dem Gründungsbeschluss für ein Jüdisches Museum seine Bereitschaft erklärt, an einem NS-Dokumentationszentrum mitzuwirken und die Betriebskosten allein zu übernehmen. Die Dauerausstellung des Stadtmuseums über die NS-Zeit wird mit einem kommentierten Plan zur NS-Geschichte Münchens ergänzt und der konkrete Täter- und Opfer-Orte erläutert. Außerdem führt das Projekt „Kulturpfade" in verschiedenen Stadtbezirken auf Stadtteil-Rundgängen zu historisch ausgewiesenen Orten, wobei das NS-Unrechtsregime eine herausgehobene Rolle spielt. Beispielsweise werden Orte der Deportation oder des Einsatzes von Zwangsarbeitern in besonders intensiver Weise hervorgehoben und bekannt gemacht.

Ich hoffe, dass Sie nach dieser umfassenderen Information für die einmütige Haltung des Münchner Stadtrats Verständnis aufbringen können. Es würde mich sehr freuen, wenn wir uns künftig bei der konkreten Erinnerungsarbeit beispielsweise bei der alljährlichen Gedenkfeier für die Opfer der Reichspogromnacht oder bei der alljährlichen Feier im Konzentrationslager Dachau einmal begegnen würden.

Mit freundlichen Grüßen

gez.

Christian Ude

Auswahl
 Presse
 Dokumente:
Stolpersteine in München

Presse zu den ersten Stolpersteinen:

Viele Pressestimmen und Dokumente aus der Zeit Mai bis Juli 2004 sind im Archiv zusammengestellt. Hier eine Auswahl:

26.05.04 SZ Denkanstoß
27.05.04 MM Stadt stolpert
17.06.04 SZ Stadtrat lehnt ab
17.06.04 AZ Stadtrat Beschluss
17.05.04 BR Kommentar
18,06.04 SZ Scham und Bedauern
22.06.04 SZ Leserbriefe
22.06.04 NZZ Kunstprojekt abgelehnt
24.06.04 SZ Interview G.Demnig
o.Datum BR Interview OB Ude
o.Datum BR Interview Peter Jordan
Fotos der ersten STOLPERSTEINE